»Was willst du tun,« schrie die junge Frau mit lautem Weinen auf, »was soll ich tun?!«

»Du,« sagte er rasch, »du – bist ja ein Kind … geh hinaus, glätte sein Haar, wasch ihm das Blut aus seinen Augen und leg seine Hände zusammen …«

Nun war es, als habe er jenen Faustschlag, der bis an ihr Herz dringen sollte, mit seiner ganzen Kraft geführt, Angelika sank ohne ein Wort zu Boden und blieb still liegen. Eine ihrer kleinen weißen Hände lag gekrümmt mit dem Rücken nach unten an seinem Stiefel.

Gerom sah auf sie nieder und hob sie nach einer Weile behutsam und vorsichtig auf. Er ging so zart dabei zu Werke, als stünde ihm die ganze Fülle seiner Liebe zu Gebote, und sein Gesicht war voller Rührung. Als er sie hinaustrug, sagte er zu ihr, als verstünde sie ihn: »Ja, er ist tot. Er hat mich, grade so wie du, um sein Leben angefleht. – Ich werde dir kein Leid antun, du Kleine. Ach Ihr … könnt nicht leben und könnt nicht sterben.«


[Zweites Kapitel]

Ungefähr sechs Jahre nach diesen Ereignissen wurde Vinzenz Gerom aus seiner Kerkerhaft entlassen. Angelika war gestorben, irgendwo in einer jener kleinen Provinzstädte, wie sie in solcher Verlassenheit und Stille nur Dänemark aufzuweisen hat. Sie hatte ein Mädchen geboren, das auf den Namen Angelika Gerom getauft worden war.

Vinzenz Gerom kam eines Tages, es war an einem Sonntag und die Glocken läuteten, zu Fuß nach Gorching zurück. Er würde wohl von niemandem erkannt worden sein, wenn man ihn nicht auf seinem Hof erblickt hätte. Sein Haar war ergraut, und er trug einen langen blauen Mantel, der seine Gestalt, die gebeugt einherschritt, seltsam entstellte und ihm den Anschein eines weltabgekehrten Sonderlings verlieh. Nur sein Schritt hatte an Festigkeit nicht verloren, und seine Augen, in ihrer versonnenen Glut, waren ungebrochen und ungetrübt.

Er bekümmerte sich wenig um die Wirtschaftsberichte, die ihm von seinen Verwandten vorgelegt wurden; der Hof war schlecht bestellt worden, soviel war gewiß. Er hatte Angelikas Tod im dritten Jahre seiner Einkerkerung erfahren, aber keine Erlaubnis erhalten, die Tote noch einmal zu sehn. Nun gab man ihm auf dem Amt in Gorching einen Brief von seiner verstorbenen Frau, den er stumm nahm und lange nicht aufbrach. Es schien, als gewänne sein Wunsch Gewalt in ihm, diese Zeilen zu vernichten, ohne daß er seinem Herzen die letzten irdischen Grüße der Frau vergönnte, die er geliebt und getötet hatte. Der Gedanke an sein Kind, von dessen Dasein er wußte, veranlaßte ihn endlich, das Schreiben zu lesen.

Es mußte in den letzten Lebensstunden der jungen Frau verfaßt worden sein, denn die Schriftzüge waren unsicher, und sie hatte keinen Wert auf Sorgfalt gelegt. Sie hatte einen beliebigen kleinen Zettel für diese Worte genommen; einen Augenblick überkam Gerom eine Regung von Erbarmen, und zugleich wurde ihm schmerzlich klar, daß dies der erste und zugleich der letzte Brief war, den er von seinem Weibe erhalten hatte. Der Brief enthielt folgende Worte: