Dies ist Angelikas Lebensnacht und ihr Daseinsmorgen gewesen, der ihr den Geschmack des Abschieds von irdischem Sein und Gut in die Seele trug, sie verharrte in tiefem Schweigen, dachte keine Gedanken und empfand keine Gefühle. Sie empfand nur ihr armes, abgekehrtes Menschenwesen und den gewaltigen Gang des lebendigen Lebens, das an ihr dahinzog wie lautloser Wind an einem Stein.

Dann kamen Schritte heran, sie klangen erst gedämpft und fern und dann immer eindringlicher in der blauen Luft der Dämmerung draußen; nun tönten sie schwer unter ihren Fenstern, und ein gebeugter Schatten schleppte sich vorüber, glitt auch über sie hin und wurde ihr zur großen dunklen Gestalt, als nun die Tür sich öffnete. Sie wußte noch, daß ein Hund draußen vor seiner Hütte sich erhoben haben mußte, denn sie entsann sich deutlich beim Beginn des Kommenden des Klirrens einer Kette.

Es war Gerom. Eigentlich wußte sie alles, schon ehe sie ihn recht sah, denn seine Tat begleitete ihn wie eine drückende Finsternis. Er sprach nicht, er ging schwer und scheinbar sehr ermattet auf und nieder, wobei er schaukelte und bald den Kopf hängen ließ, bald nickte, oder die Arme schwenkte, aber nicht im Takt seiner Schritte.

Endlich blieb er dicht vor Angelika stehn, so dicht, daß sie zurückgetreten wäre, wenn sie es gekonnt hätte. Da nun das blasse Morgenlicht in sein Gesicht fiel, sah sie, wie entstellt es war, und empfand nichts mehr als eine furchtbare Angst.

»Gerom!,« schrie sie auf und sank nieder, »erbarme dich, tu mir kein Leid, um des Heilands willen, Gerom, tu mir kein Leid!«

Und während sie schrie und flehte, und während ihre Hände krampfhaft am groben Tuch seines Rocks tasteten und griffen, war ihr, als verhöhnte irgend etwas im Grund ihrer Seele sie selbst und ihr armseliges Tun. Dabei kam ihr deutlich zum Bewußtsein, wie naß sein Gewand war.

Es schien, als ob Geroms Gedanken erst durch ihren Jammer zu dem geführt wurden, was sie befürchtete. Ich werde sie schlagen, dachte er, ich werde sie so schlagen, als wollte ich mit der Faust bis ans Herz dringen.

»O, höre mich an, sieh mich an, Gerom, ich habe nicht gewußt, was ich getan hab'.«

Gott weiß es, warum sie es getan hat, dachte er. Sie ist ein Weib, Gott weiß es …

Und dann atmete er tief auf und sagte mit schweren Lippen: »Draußen …«, stockte wieder und faltete dann seine großen Hände.