»Steh auf! Geh heim! Geh gleich heim!«

Obgleich sie seine Stimme nicht erkannte, antwortete sie ihm beinahe in gewohnter Weise:

»So – –, so Gerom, kann ich doch nicht gehn.«

Er stöhnte dumpf auf. Wenn es nur hell gewesen wäre. Sie sah fragend zu ihrem Geliebten hinüber. Er nickte:

»Ja, geh heim.« Und dann sagte er zu Gerom:

»Wir wollen hinausgehn, wir können ja draußen reden, wenn Sie wollen.« Er schritt ruhig voran, und der andere folgte ihm wie ein breiter, bedrohlicher Schatten.

Angelika langte in Geroms Hof an, als es längst Nacht war. Eine alte Magd war vor dem Kamin eingeschlafen, in dem in diesen Spätsommernächten schon Holzscheite glommen. Sie hockte als ein lebloses Kleiderbündel im Winkel, die welke Wange unter dem grauen Haar, an einen Holzpfosten des Geländers gelehnt und notdürftig auf ihren Arm gestützt.

Angelika stand vor ihr und sah die kleinen lebhaften Flämmchen an, die über die verglimmenden Scheite huschten. Sie sprangen unversehens auf und erloschen wieder, waren von bläulicher Färbung und von einer kränklichen Hast. Ihr Widerschein spiegelte sich in den Kacheln und gab dem Raum sein dürftiges, unruhiges Licht. Die sinkende Mondsichel stand draußen über den Moorgründen der Haide, über der Einöde mit ihrem verschwiegenen Gurdelbach. Man sah sein fahles Licht durch die bewegungslosen Vorhänge der Fenster scheinen, an denen die traurige Nacht vorüberzog. So war das Licht im Zimmer unbestimmbar und voller Ungewißheit, die stummen Gegenstände wirkten bedeutungsvoll und lebendig.

Die junge Frau erkannte den Rahmen des Bildes, das Geroms Vater darstellte; sie glaubte die heimliche Qual der Augen zu erkennen, diesen düsteren und trotzigen Drang nach dem Licht der Erkenntnis, der auch Geroms Blicke bezeichnete. Die Standuhr tickte nicht, es mußte vergessen worden sein, sie aufzuziehen.

Der Mond draußen verlor langsam seinen Schein, der Morgen kündigte sich an, das Feuer im Kamin war nun völlig erloschen, und die Alte war auf den Teppich niedergesunken, auf dem sie ruhig schlief. Man hörte ihre Atemzüge nicht, und draußen und drinnen war es totenstill, da die Geschöpfe der Nacht zur Ruhe gegangen waren und die Vögel noch schliefen. Dann kam ein unhörbarer Wind auf, der das herannahende Licht ankündigte. Die Stimmen der Wasservögel aus dem Moor wurden laut, und die Blätter bewegten sich neben dem Fenster. Es rieselte hoch oben in der Spitze einer Pappel, als ob es regnete, und das Zimmer wurde grau.