»Ich hätte so gern gelebt«, sagte sie deutlich.

Es mußte wohl der Gedanke an die Hoffnungen seines eigenen Lebens sein, der ihm plötzlich die Stirn umwölkte. Er ließ sie los. Seine Augen fragten sie etwas, es mußte eine Frage sein, deren Bedeutung oft zwischen ihnen gebrannt hatte, denn sie verstand ihn und rief schmerzvoll:

»Ich weiß es nicht, ich weiß nicht, wie es werden soll! Ich kann meinen armen Leib von dir fortschleppen, aber ich kann meine Seele nicht von deiner reißen.« Und darauf legte sie ihm plötzlich die Hände auf die Schultern, sah ihn heiß und mit ihrem ganzen Blut und Wesen an und fragte mit einem schrecklichen und süßen Lächeln: »Nicht wahr, ich töte dich, nicht wahr? Sag', wodurch töte ich dich, sag' es mir doch …«

Und so sagte sie es ihm, indem sie ihn so fragte.

Nach einer Weile wurde die Türklinke niedergedrückt und, da die Tür verschlossen war, wurde es eine kleine Weile still. In diesem kurzen Augenblick sah Anje ihren Geliebten an, es war ihr Abschied von ihm. Er fühlte es, ohne es zu wissen. Dann erschütterte ein furchtbares Krachen die abendliche Stille des Hauses, und Anje fing ganz heimlich und kindlich zu lachen an.

Erst als Gerom im Zimmer stand, erhob sich der Fremde langsam.

»Ich hätte Ihnen auch geöffnet«, sagte er gelassen, aber so kalt, daß die Herausforderung in seinen Worten deutlich seine tiefe Anteilnahme verriet, die er nicht verbergen wollte. Gerom stand dicht an der Tür, als ob er den Ausgang decken wollte, und der starke Mann zitterte, wie ein Baum, dessen Wurzeln von eisernen Äxten zerschnitten werden. Jetzt, da der Fremde sprach, wandte er sich ihm zu und von Angelika ab, die ruhig, mit herabhängenden Armen, dastand. Sie war ihm unaussprechlich hilflos erschienen, er empfand die große Stille ihrer Seele nicht, deren Armut und Gerechtigkeit sich irdisch nicht mehr erweisen wollte noch konnte. Als ihr Geliebter sich erhob und vor Gerom stand, zitterte sie vor Freude in dem Bewußtsein, daß die Kraft seines Wesens bis an die Pforten eines ewigen Reichs triumphieren würde. Und nun mochte kommen was wollte.

Gerom sprach nicht. In Angelikas Herzen wuchs eine Angst empor, die ihr alles zu verdunkeln drohte. Der kleine niedrige Raum lag im Abendlicht, Gerom schien nicht hineinzupassen, er sah wie ein Riese aus und erschien ihr um so furchtbarer, als sie den Ausdruck seines Gesichts nicht unterscheiden konnte.

»Wenn Sie mit mir sprechen wollen …« sagte der Fremde. Es erschien, als dächte er an ganz andere Dinge. Angelika wußte, wer der Stärkere war.

Da sagte Gerom mit dunkler Stimme zu ihr: