Ich will versuchen zu warten, dachte Angelika, vielleicht ist am Abend der ganze Tag vergangen und ich bin nicht zu ihm hinübergegangen. Gerom kam nicht. Sie saß im Schatten der Holunderbank am Teich und sah die Sonne hinter die Pappeln sinken, von Ast zu Ast schien sie niederzuklimmen, und als sie sich rötlich färbte, weinte die junge Frau vor Schwäche und Angst und Liebesleid und lief nach Gorching hinüber, quer über die gemähten Roggenfelder, wie ein verlassenes Kind.

Unterwegs blieb sie einmal stehn, ballte ihre kleine, feste Hand und schüttelte die Faust nach Geroms Hof hinüber. »Du kannst nicht helfen«, schrie sie laut. »Du bist ein Schwächling bei all deiner Kraft, deiner Güte …« Sie ließ sich nieder und weinte. Bestaubt und todmüde, mit entstelltem Angesicht, langte sie im Gasthof an.

Nun paßten sie zueinander, der Fremde und Angelika, die nun, wie er, verwildert und bleich zu den Ausgestoßenen der Irdischen zu gehören schien. Es war unfaßlich, wie rasch die Nähe dieses Mannes ihr ganzes Wesen verändert zu haben schien, im Grunde hatte er es nur gelöst, soviel ist gewiß, denn es war sein Eigentum. Ihr Gesicht wirkte geradezu häßlich für alle Augen, die sie früher gesehen hatten. Aber es war eine eigenartige Häßlichkeit, eine Häßlichkeit von göttlichem Ursprung, der schützende Erdenmantel über den himmlischen Geheimnissen des Lebendigen.

Sie fand ihn nicht zornig und hart wie gestern, sondern traurig, vielleicht kniete sie deshalb vor ihm, während sie sprach. Wenn er sich zu ihr niederbeugte, wenn seine Lider sich senkten, sah man, wie schön sein blasses Gesicht war, das im Unbelebten der Tagesstunden ermattet und kränklich aussah. Ihre Haare vermischten sich, ihre feuchten Hände und ihr Atem voll Glut und Unfrieden.

»Ach,« antwortete er ihrem Geständnis mit seinem klugen und traurigen Lächeln, »ein Kind trägst du von ihm, von ihm trägst du ein Kind, Anje …«

»Wenn ich ein Kind von dir geboren hätte,« sagte sie fest, »so würde ich um des Kindes willen die Kraft gehabt haben, bei Gerom zu bleiben. Ich wäre nicht über die Felder gelaufen …«

Er sah sie an, vielleicht verstand er sie nicht gleich, aber dann drückte er sie so an sich, daß sie leise aufschrie.

Sie fragte aber doch: »Liebster, und daß es nun so ist, ich meine, daß ich sein Kind trage, quält dich das nicht? Gerom würde dich töten, wenn du nur deine Hand auf meine Haare legtest.«

»Ihm gehören auch nicht einmal diese Haare«, sagte er liebevoll und sicher, und strich sie ihr von den Schläfen, legte sie hart an das ungeduldige Köpfchen, so daß er es ganz in seinen beiden Händen hielt, und betrachtete so ihr Gesicht.

»Ich komme niemals, niemals von dir frei, Anje.«