Die hilflose Art, in der der einsame und einfache Mann seine zärtliche Neigung kundtat oder verbarg, nahm auch den Gleichmütigsten die Kraft zum Spott. Es war, als hütete er an der Schwelle der Erdennacht ein Licht, das ihm der Vater im Himmel zum Herzen seines Menschendaseins gesandt hatte. Sein Handeln war von jener Scheu, wie nur die Regungen einer großen Liebe sie kennen, und von der Zartheit, die dem Mann so wohl ansteht, der seiner Kraft so gewiß ist, daß er sie nicht durch Rauheit zu erweisen wünscht. Oft sah man die Beiden an ruhigen und klaren Abenden nebeneinander durch die Felder gehn, deren Ähren hoch standen und das braune Gold wiegten, das die herabgesunkene Sonne im Westen über dem Land zurückgelassen hatte. Nein, es war kein Zweifel, er hatte seinen Arm schützend um sie gelegt, und ihr blonder Kopf ruhte an seiner Schulter. Sie erschien klein in ihrem einfachen weißen Kleid, hilflos und traurig, bis plötzlich ihr Lachen weich und wie aus voller, tiefer Freude kommend erscholl. So war es schwer zu wissen, was beiden geschah, aber da die Menschen selten mehr in andere zu legen verstehn, als ihr eigenes Gemüt enthält, so entstanden böse und häßliche Gerüchte neben Erstaunen oder Rührung.

Als schon der Sommer zur Neige ging, kamen Gerom eines Abends durch den Großknecht Gerüchte zu Ohren, die ihn erbleichen ließen. Er ging vom Hofe fort, ohne seinen Hut, so wie er stand, wortlos hinaus auf die Landstraße, bis er den Pfarrhof von Gorching erreicht hatte, wo er kundtat, daß er sich mit Angelika Lett zu vermählen gedächte, und darum bat, daß dies den Ortsbewohnern bekanntgegeben würde.

Dies hat sich so zugetragen, wie es berichtet wird, und es ist allen unbegreiflich und geheimnisvoll erschienen, denn Vinzenz Gerom war ein einfacher Mann, und obgleich sein Geschlecht alteingesessen war und hohes Ansehen genoß, war doch der Unterschied der beiden Liebenden in Stand und Lebensgewohnheiten sehr groß, und von der Fremden wußte niemand mehr als ihren Namen. Nur eins ist sicher, und es wird vielen eine vollgültige Erklärung sein, Vinzenz Gerom war ein eigenwilliger und selbständiger Charakter und ein Mann von Gefühlskräften und natürlicher Klugheit. Alles übrige bleibt zwischen zwei Menschen eine Frage der Lebensbetrachtung und der äußeren Verhältnisse, Gebiete, auf welchen Charaktere sich leicht einander fügen lernen, und es unterliegt keinem Zweifel, daß Angelika mit der weisen Anmut ihres Anspruchs die heimliche Erzieherin ihres Freundes gewesen ist. Es gelang ihr mühelos, dem stolzen Mann ihre Wünsche und Hoffnungen als seinen eigenen Anspruch hinzustellen und sein Herz ohne Falsch mit Behutsamkeit in die Bewußtseinswelt seines Werts zu heben.

Es war sicher, irgend etwas behielt Angelikas Wesen für sich, es war eine verborgene Welt des Empfindens und der Gedanken, die sie nicht teilen wollte oder konnte. Aber es erschien Gerom nicht als ein Recht, das ihm vorenthalten wurde, weil Angelikas traurige Versunkenheit, mit der sie seine schüchternen Fragen zuweilen abwehrte, ihm heilig war. Wie leicht lassen sich die Geheimnisse einer klugen und verschwiegenen Frau der Wesensart ihres Geschlechts als Tugend zurechnen, wenn das Vertrauen einer großen Liebe alles kleine Forschen verhindert.

So war es gewiß keine ernstliche Sorge, die zuweilen Geroms Stirn umwölkte, sondern eine heimliche Angst, die aus dem Dunkel der Vergangenheit Angelikas emporstieg. Er fühlte, daß niemals etwas geschehn sein konnte, was den Wert des Mädchens herabgesetzt hatte, aber ihm war oft, als seien jene Geschehnisse um so gefahrvoller und furchterregender, je mehr sie den Wert dieser jungen Frau erhöht haben mochten. Wie viele Untugenden, die ihr Freude bereitet hätten, wäre er nicht willens gewesen, ihr zu vergeben; er fürchtete vielmehr, daß es eine große Tugend sein könnte, die ihr Leid gebracht hatte.

Zu den äußeren Anlässen solcher Besorgnisse gehörten die Briefe, die Angelika absandte und empfing, allerdings selten erhielt und selten abschickte. Oft vergingen Monate, und Gerom litt mit ihr unter der aufreibenden Qual ihrer Erwartung, über die niemand sprach. Die schmerzliche Erlösung, die endlich ein kurzer Brief brachte, zerteilte Geroms dunkles Herzensreich in zwei Teile, er schritt umher wie ein fröhlicher Kranker. Aber er fragte niemals, denn er konnte sich nicht so tief entwürdigen, etwas in Angelikas Leben für schöner und größer zu halten, als das, was sie ihm gab.

An einem klaren Abend des Spätsommers wurde Angelika von einem Dorfjungen in den Gorchinger Rasthof geholt, es sei ein Fremder angekommen. Die junge Frau ging sogleich mit starren Augen und hängendem Köpfchen in einem eigenartigen Schritt, der ganz neu an ihr erschien, der etwas vom Traumwandeln hatte und zugleich etwas gewaltsam Unbekümmertes. Sie verabschiedete sich von niemand, Gerom war zu Pferd auf den Feldern.

Was geschehn ist, weiß niemand, es blieb allen in Gorching verborgen. Man hörte heftige und verhaltene Worte in dem Zimmer des fremden Mannes, unterdrücktes Schluchzen und auch einmal ein leidenschaftliches Wimmern, das die Magd für heimliches Lachen hielt. Angelika kam spät zurück, sie war über die Landstraße gelaufen, klein und weiß, durch die hereinbrechende Nacht, zwischen den beiden weißlichen Meeren dahin, die der Abendnebel auf den Wiesen bildete. Der Großknecht ließ sie ein, während die Hunde wie toll an ihren Ketten rissen und die Stille weit umher mit ihrem wütenden Bellen erfüllten.

Mit dem Kommen des fremden Mannes, der Angelika kein Fremder war, erschien ihr die Sicherheit und Ordnung der Welt zerstört, wenn sie nicht alles diesen Händen anvertraute, die sie einst erhoben und erniedrigt hatten, geschlagen und geliebkost, entwürdigt und geheilt. Sie schlief in der Nacht nicht, mit wehmütigem Lächeln gedachte sie der Freiheit, die sie in diesen Sommermonaten zu erringen geglaubt hatte. Es gibt einen Zustand erschöpfter Leidenskraft, der wie Gelassenheit und Ruhe erscheinen kann, es ist der Zeitpunkt, an dem die Kräfte des Lebens und die Kräfte des Todes einander die Wage halten, über den Trümmern des eigenen Willens.

Am Morgen sah Gerom sie in unruhvoller Besorgnis lange an. »Du bist blaß, Angelika, du bist sehr blaß«, sagte er. Er ritt gleich darauf schweigend fort. So weiß er es, dachte sie. Gegen Mittag kam der Bote aus dem Gasthof.