Einmal war Anje mit Hirte in diesem Wald so weit vorgedrungen, daß sie an der Landstraße anlangte, die ihn durchschnitt. Es war die alte Heerstraße, die von der Dachenau hinüber ins Gorchinger Land führte. Ein schmaler Graben trennte ihre Wagenspuren vom Tannenwald, an dessen Rand sich im Schutz der tiefen Zweige Anje und Hirte ein Versteck bereitet hatten, von dem aus sie den Gang der Welt und den Verlauf des großen Lebens beobachteten und Erfahrungen von Bedeutung sammelten.

Die Landstraße war vernachlässigt und wurde fast niemals mehr benutzt, sie war bewachsen, und nur ihre zwei Furchen von den Rädern der Wagen kennzeichneten ihre fast vergessene Bestimmung. Es kamen sehr selten Gefährte vorüber und nur hier und da ein Landmann oder ein Wanderbursche, vielleicht der Flurschütze oder sein Gehilfe oder ein Tagelöhner, der sein Kalb auf den Gorchinger Markt trieb, aber diese Ereignisse waren für Anje von großer Bedeutung. Mit Herzklopfen sah sie schon von fern, im Dämmerlicht der Straßenbirken, ein bewegliches Pünktchen nahn und in den Tannenwald kommen, und ihr Herz schlug hart und langsam, wenn endlich ein Mensch daherkam und vorüberzog. Sie verdankte ihrem geduldigen Eifer eine wichtige Errungenschaft ihrer Kindertage, es war die Kunst des Singens. Eines Morgens war ein Wagen dahergekommen, den sie schon von weitem knarren hörten, und sie hatten laufen müssen, Hirte und sie, um rechtzeitig bei ihrem Versteck mit ihm zusammenzutreffen. Es war ein schwerer Wagen, der von zwei gefleckten Pferden gezogen wurde und mit grauem Tuch überspannt war. Der Fuhrmann schritt nebenher, er hatte seine gelbe Peitsche geschultert und sang. Die kleine Anje sah mit großen Augen durch die Tannennadeln und zitterte vor Glück. Die mächtige Männerstimme scholl laut und traurig durch den Morgen, es war Anje, als wäre alles Vertraute umher plötzlich verändert, der Himmel, die grünen Tannenwipfel darin, ihre eigenen Hände und Hirtes freundlicher Blick. Sie wußte nicht, wie ihr geschah, und gab sich hilflos den Segnungen der feierlichen Kraft hin, die ihr Herz bestürmte. Sie versuchte zu verstehn, was der fremde Mann sang, eine beklemmend traurige Erinnerung an ihre frühste Kindheit stieg dunkel, mit lichten Gestalten, aus ihrer Seele empor.

»Hirte,« sagte sie, »hörst du?«

Hirte veränderte die Stellung seiner Ohren und sah Anje an.

Sie schüttelte den Kopf und schob ihn fort, da er die Befangenheit seiner Herrin zu benutzen suchte, um seine schwarze Schnauze in ihre Hand zu bohren. Da verstand er, daß Großes vor sich ging, und saß still und aufrecht.

Der Gesang verhallte in der Ferne, und als der Morgen wieder still war und nur die Häher riefen und aus der Birkenniederung der Kuckuck, versuchte Anje zu singen.

Hirte sprang auf und geriet in Verlegenheit, aber er mußte sich nun im Laufe der kommenden Zeit bemühn, eine Stellung zu diesen seltsamen, langgezogenen Tönen zu finden, die ohne Sinn der Worte und von bedeutungsvollen Bewegungen der Hände begleitet, aus der Schattenwildnis der Einöde zum Himmel emporklangen. Anje sang mit tiefer Kinderstimme, wie das Wasser durch den Moorgrund zog und wie die Pflanzen sich gegen das Licht drängten, sie erlöste die Klage der Stummen um sich her, lernte vom Wind und vom Regen und legte in die wortlose Klage ihres Liedes den Sinn der geduldigen Natur auf ihre Art. Sie bildete die Worte für ihre Lieder selbst, und es klang aus der feuchten Kühle in den Sonnenschein hinaus, ausklingend auf »öh« und »euh« in unbegreiflich inbrünstiger Schwermut. Sie rief den Abend herbei und begrüßte die dahinziehenden Wolken, sie beantwortete die verschleierten Stimmen aus den Nebelgründen und dankte dem Mond.

Bald gab es in Gorching ein neues Wunder des Moors, das man abergläubisch mit den Geheimnissen der schaffenden Natur verband, und das als das Wahrzeichen für die Erfüllung von Hoffnungen oder für das Eintreffen von Befürchtungen galt: »Das Anjekind singt im Moor.«


[Viertes Kapitel]