Anjes Leben war glücklich. Sie bewegte sich unter den vielerlei Lebewesen der Moorebene und des Waldes wie unter wohlwollenden Gefährten, sie kannte die Pflanzen und wußte, wann ihre Knospen aufbrachen, ob sie des Nachts ihre Kelche schlossen und welcherlei Insekten sie besuchten. Sie fühlte den Regen kommen, bevor noch die Kühle oder der Schatten ihn verrieten, und sah am Zug der Wolken, ob der Wind wechseln und woher er kommen würde. Die Tiere und die Wolkenbilder am Horizont verrieten ihr die Ereignisse der Natur, von den Bienen erfuhr sie die Stunde, in der ein Unwetter hereinbrechen würde, und die Vögel warnten sie im Walddunkel, wenn sie schlief. Sie wußte, ob der Laut, den ein Tier gab, Freude, Schmerz oder Angst verriet, ob die Geschöpfe der Fluren einander warnten oder lockten, ihre Gewohnheiten verkündeten ihr die Anzeichen der Tagesstunden, bis spät in die Nacht hinein.

Anje hörte an den Regungen der Kreaturen, wann die Sonne unterging. Sie lag mit geschlossenen Augen am Wasserrand des Moorsees, das Gesicht in den Händen und die Hände im Gras. Sie wußte, daß die Sonne im Westen schon tief stand, und lauschte. Dann fühlte sie die unhörbaren Bewegungen, in denen das Wasser, Tiere, Pflanzen und Wind wie mit leisem Aufseufzen sich der Nacht ergaben, wenn der Rand des glühenden Sonnenballs versank.

Da ihre Sinne Gemeinschaft mit den Sinnen der Lebendigen der Natur hatten, so wertete sie die Wohltaten ihres freien Tags nach den Ansprüchen ihrer stummen Lebensgefährten. Hirte hörte sie seltsame Dinge sagen, und es wurde ihm mancherlei erklärt, von dem er, bei all seiner Bescheidenheit, eine überlegene Meinung bewahrte. Anje erzählte ihm vom klugen Licht, das alle Wege fand, und vom Wasser, das niemand verändern könnte, die Luft ängstigte sich vor den Wetterwolken und sprang in den Wald, und der Himmel war bald nah, bald fern.

Anje hatte große Furcht vor allen Geräuschen, die nicht dem selbsttätigen Leben der Geschöpfe entsprangen, die Stille der Natur war das Element ihres Friedens, in ihr atmete und ruhte ihre kleine Seele. Als sie einst zum erstenmal hörte, wie ihr Vater einen Ast zersägte, weinte sie mit dem schreienden Baum. Erst viel später begriff sie die scheinbaren Grausamkeiten, die sich mit der Erhaltung des Lebens verbinden. Sie hatte lange den Marder gehaßt, der die Nester der Vögel zerstörte und ihre Brut vertilgte, bis sie einst im Hochwald eine vom Sturm gefällte Buche fand, in deren Stamm ein Marderpaar sein Heim in einem verlassenen Eichhornbau errichtet hatte. Dort beobachtete sie, wie der Marder seinen Jungen, die vor Furcht und Hunger jämmerlich klagten, Nahrung brachte, und sie sah, daß es ein nackter Vogel war, den er ihnen zutrug. Da begriff Anje zum erstenmal, daß die Natur des Mitleids und der Hilfe des Menschen nicht bedurfte, was man ihr hinzuzufügen glaubte, nahm man ihr gewiß an anderer Stelle. Anje empfand sich als zu klein, um zu wissen, was zu tun notwendig war, dessen war nur ihr Vater mächtig.

Aber sie herrschte im Wald und war ihrer Kräfte froh, die mit ihrer Andacht wuchsen. Sie beobachtete die Ranken der Schlinggewächse, wie sie sich geduldig drehten und im Wachsen nach einem Halt tasteten. Darüber erkannte sie, daß ihre eigenen Augen wohlgeschickter waren, aber sie half den Pflanzen nicht, sondern ließ ihnen ihr Wesen. Die Bäume, die großen und kleinen, blieben ihr Leben lang an dem Ort stehen, der sie hervorgebracht hatte, immer traf der Westwind die gleichen Blätter zuerst, und immer dieselben Äste empfingen im Wipfel die Morgenglut. Anje aber konnte schreiten, wohin sie wollte, sie konnte den Schein der Sonne empfangen oder sich im Schatten bergen. Im heimlichen Glück ihrer Kräfte versank ihr Blick oft im Gedanken an die Geduld der Bäume, die schön und erhaben waren und denen nichts mangelte. Sie versuchte wohl eine Weile wie ein Baum zu leben, stellte sich klein und feierlich zwischen die großen Freunde und bildete mit ihnen den Wald. Aber sie vergaß ihre ernsten Pflichten schon bei einem Schmetterling oder bei irgendeinem Gedanken, der herangaukelte, wie jener.

Zu ihrer größten Freude gehörte es, auf den Moorwiesen der Arbeit der Insekten zuzuschaun, dem Eifer der Bienen, dem Spiel der Schmetterlinge oder den Beschäftigungen der Käfer. Sie machte mit ihnen den sonnigen Weg von einer Blume zur anderen und bebte vor Glück, wenn sie mit einer Biene ein rotes oder blaues Blumenhaus betrat. Das farbige Licht der duftenden Halle schlug auch über ihr zusammen, sie begriff die Seligkeit, so licht zu hausen. Die kleineren Blumen neigten sich an ihren Stielen, wenn ein geflügeltes Tier ankam, und so verband sich oft ein gelindes Schaukeln mit ihrem sorglosen Tun. Trafen sich zwei in der gleichen Blüte, so ließen sie einander vorüber, ohne sich zu stören, das kam, weil der Reichtum an Blumen unermeßlich war.

Die kleine Anje liebte den Ausblick in das ebene Land. In der Weite erhoben sich die Kuppeln der Bäume vereinzelt oder in Gruppen, die das Blau der Ferne geheimnisvoll zusammenschloß und verkleinerte. Das bunte Bild des Landes unter dem Himmelsblau weitete ihr Herz in unsagbaren Ahnungen von zukünftigem Geschehn. Gegen Süden verschloß das schwarze Band des Föhrenwaldes die Welt. Dorthin zogen am Abend die Krähen, deren Flug man am längsten mit den Blicken folgen konnte.

Am meisten aber liebte Anje den Wind, der vom kaum vernehmbaren Flüstern bis zur brausenden Musik anwachsen konnte, und der ihr das Leben der Natur verherrlichte. Sie kannte seine Stimme in der Ebene und eilte über das Feld seinem freien Singen entgegen, das ihre Arme in sinnloser Freude emporriß. Er beherrschte den Himmel und lenkte den Gang der Wolkenzüge, die er in grauen Massen über die Erde dahintrieb oder der Sonne entgegen, in deren Wärme die weißen im Blau zergingen. Er bediente sich der Baumkronen, um sein Brausen, das bis zum donnernden Getöse anschwellen konnte, vernehmen zu lassen, und diesem Anschwellen lauschte ihr Blut mit jauchzendem Erbeben. Wenn er sich zu seiner Gewalt erhob, so befreite er die Sinne von den Gedanken und beflügelte die Seele, die sich ihm vertraute, wie das Laub des Erdbodens oder wie der Staub der Wege. Der Wind rief die Ahnung von einer Vollendung wach, die in keiner Stille zu finden war.

Er drang wie das Licht überall hin, und niemand entging seinen Berührungen, die Leben weckten. Er konnte klagen und Trauer verbreiten, bald schmeichelte er, bald drohte er, es war um so seltsamer, als man seine Kraft kannte, und man verstand ihn nur, wenn man bedachte, daß er ein Kind war. Oft kam er im Dunkeln der Sommernacht ins Zimmer, man fühlte ihn auf der warmen Stirn, und er brachte den Schlaf, wenn er die Augenlider berührte, weil darüber das Blut kühl und glücklich wurde.

Oft zog Anje im Traum mit ihm hinaus, sie kühlten das Wasser für den Morgen, schaukelten die Zweige der Büsche und kamen aus dem Wald in die Ebene. Dort zogen sie unter den Sternen hin über die Moorseen, im Dunkeln. Nach solcher Fahrt blieb ihr die Erinnerung zurück, als ob sie den Wind erblickt hätte, den noch niemand gesehen hatte, aber sie wurde sich keiner Einsamkeit bewußt.