[Fünftes Kapitel]
Als Anje so groß geworden war, daß Hirtes Schnauze bis an ihre Schulter reichte, wenn sie nebeneinander im Ginster saßen, nahm die alte Onne sich ihrer auf etwas veränderte Art an, denn Gerom ließ sein Kind tun, was es wollte, er beschäftigte es niemals und lehnte, wo immer es war, ihre Hilfe mit einer barschen Herablassung ab: was denn solch ein zartes Ding rechtes tun könne, und ob man glaube, er würde nicht selbst mit seiner Arbeit fertig. Diese Nichtachtung war nur ein Mantel, unter dem er seinen Wunsch verbarg, Anje ungehindert von Tageslasten und Menschenpflicht heranwachsen zu sehen. Sie war keineswegs schwach und hilflos, wie er sie nannte, sondern, obgleich von zarten Gliedern, ein gesundes Kind von blühender Kraft, aber Gerom verachtete die Menschen und ihr Handeln, das er betört und armselig nannte, und gönnte ihnen in ihrem Tun nicht die kleinste Gemeinsamkeit mit seinem Kind. Zwar hinderte er Anje nicht daran, wenn sie Neigung zeigte, sich hier oder dort zu beschäftigen, aber sie tat es selten und nur dann, wenn sie dadurch in der Nähe ihres Vaters verweilen konnte.
Gerom lebte der Vorstellung, daß alles Bewußtsein des Bösen und jede Macht der Finsternis erst durch Menschengeselligkeit in die Welt getragen würde. Als Onne ihm einmal die Zuneigung ihres alten Herzens in Bewunderung für sein ernstes Leben darbrachte, antwortete er ihr ruhig: »Es ist leicht gut zu sein, wenn man allein ist, die Natur nimmt uns an, so wie wir sind.«
Onne schaute vor sich hin, ihre grauweißen Haarsträhnen zogen sich arm an den faltigen Schläfen hin und an den hohlen Wangen nieder, die die Farbe welken Laubs hatten und unzählige Fältchen und Risse.
»Gerom,« sagte sie, »das ist wohl wahr, aber wer die Kraft hat, die Natur zu ertragen, dem kommt keine Gefahr mehr von den Menschen.«
Gerom sah sie an. »Mütterchen …« sagte er langsam, aber dann erschrak er über den weichen Klang seiner Stimme und schwieg, und da Onne sich darauf verstand, woher ein Wort kam und wieviel es bedeutete, begnügte sie sich mit dieser Antwort und dachte in ihrem Sinn: Mit Gerom läßt sich leben.
In diesem Herbst kam Anje häufiger zu Onne als sonst, und eines Abends, als sie schon die Holzläden der Fenster geschlossen hatten und ein Scheitfeuer auf dem Herd angezündet worden war, ging Onne an ihre Truhe.
Die kleine Anje wußte, daß dieser Kasten mit seinem groben Schnitzwerk und seinem Schlüssel, dessen Bart fast so groß war wie ihre Hand, die unerhörtesten Schätze enthielt, und ihre Augen wurden still und groß in der Erwartung, was Onne tun wollte. Die Alte hob mit Mühe den schweren Deckel und lehnte ihn an die Wand. Nun hielt das plumpe Holzungeheuer seinen Rachen geöffnet, und Anje kam ein Zittern an, vor Scheu und Begierde sah sie nichts als ein buntes Durcheinander, das vor ihren Augen flimmerte.
Draußen rüttelte der Herbstwind in den Bäumen, die Tannen sausten und das Laubwerk rauschte; hin und wieder schlug der Laden mit leisem Klappern an, und Hirte, der am Feuer saß, bewegte unablässig die Ohren, und seine Augen waren voll Besorgnis. Der Raum war nur durch das Herdfeuer erhellt, und im Spiel der Flammen erschien es zuweilen so, als bewegte sich alles in ihm.