»Onne,« flüsterte die kleine Anje; ihr war, als müßte sie Einhalt gebieten, was konnte nicht geschehn, wenn man sich so tief in die Truhe wagte, als es die Alte tat, die ihre beiden Hände bis auf den Grund der Schätze hinabgewühlt hatte. Da bog sich Onnes braunes Gesicht über den Truhenrand nach ihr zurück, und sie sah, daß es unter den grauen Strähnen lächelte.
Das Kind atmete auf. Den vergangenen Morgen über hatte sie der Alten beim Ausbessern der Hüttenwand geholfen, so gut sie konnte, es mußten Risse verstopft werden, und hier und da sollte ein Nagel eingeschlagen werden, der ein morsches Brett halten mußte. Am Mittag hatte sie es ihrem Vater erzählt, der dann schweigend ein paar Bretter auf seine Schulter geladen, die große Säge über den Arm gehängt und den Hammer in die Tasche geschoben hatte. So machten sie sich auf den Weg zu Onne.
»Gib her,« sagte er, als er sah, daß Anje die Nägel trug, und nahm sie ihr ab.
Dann war ein gewichtigtes Hämmern und Sägen angegangen, Anje saß vor Stolz glühend neben der Alten am Grabenhang und fühlte, wie groß und stark ihr Vater war. Onne blinzelte in den Abendschein hinaus, und ihre winzigen Äuglein leuchteten vor Zuversicht, nun mochte der Winter kommen. Anje war später bei ihr geblieben, weil man nicht so rasch, und vor allem schwer allein, mit dieser Freude fertig werden konnte. Es mußte alles im einzelnen nachgeprüft und bewundert werden, wie die Bretter paßten und schlossen und wie sorgfältig die langen Nägel umgeschlagen waren. Als Gerom am Abend heimschritt, wandte er sich, einen Augenblick zögernd, nach seinem Kind um, aber als er zwei eifrige Angesichter, ein welkes und ein blühendes, in frohem Staunen vor einer kleinen Falltür am Hühnerstall sah, die er dort angebracht hatte, begriff er und ging fort. –
Und nun, bei diesem verheißungsvollen Lächeln der Alten über den Truhenschätzen, war es Anje plötzlich, als ob etwas geschehen sollte, das in einem Zusammenhang mit der Freude dieses Tages stand. Onne holte aus dem Grund der Truhe ein Buch hervor, verstaute und verschloß alles wieder sorgfältig und reichte das rötliche Ding von verblaßtem Glanz dem Kinde zum Geschenk.
»Hier steht es,« sagte Onne, nahm es zurück, blätterte und versuchte dabei, ihrer Hornbrille Halt zu verschaffen, »hör zu, wie ich es lese: ›Um das weiße Schloß flogen in der Abendsonne die Schwalben, es lag auf ebenem Gefilde, frei im weiten Land …‹« Sie stockte und gab ihren Gläsern Schuld. »Ich kann es nicht mehr recht herausbringen, aber du sollst sehn, du wirst es lernen.«
Und zum nächtlichen Erbrausen des rauhen Waldes, der den Wind von der Ebene her mit Gesang in seine Fittiche nahm, erblühte der kleinen Anje an ihrem geschützten Platz am alten Feuer das Wunder, daß das Licht der Menschengedanken in gebrechlichen Hüllen bewahrt werden konnte.
Aber Anje hat niemals lesen gelernt. Sie hütete das kleine rötliche Buch wie einen heiligen Schrein, der Reichtümer enthielt, aber sie trug kein Verlangen danach, diese Schätze zu heben. Nur die Anfangszeilen des Buchs, die ihr Onne gesagt hatte, blieben in ihrer Erinnerung bewahrt, und ihr einfacher Inhalt beflügelte ihre Träume über die Herrlichkeiten der fremden Welt.
Es war zu Anfang des Buchs ein Bild eingefügt, auf dem unter einem grünen Eichbaum mit braunem Stamm ein verwundeter Mann am Wege lag. Er war nach den Gewohnheiten einer vergangenen Zeit gekleidet, mit einer schmalen gelblichen Hose, die seine Beine seltsam lang erscheinen ließ, und die sehr hoch hinaufreichte, bis an ein kurzes Jäckchen von grellem Blau. Seine weißen Hände waren sehr schlank, und sein Gesicht war zur Rechten und Linken von einem Streifen Bart eingerahmt, der von den Schläfen ein wenig an der Wange entlang niederwuchs. Aus seiner Brust rieselte in einer sorgfältigen Zickzacklinie ein Bächlein himbeerfarbenen Bluts, färbte das Gras und verrann auf dem Fußweg, an dessen Ende, am Horizont, klein, mit erhobenen Armen und weit gespreizten Beinen zwei Männer davonliefen.
Dieses Bild beschäftigte das Gemüt des Kindes ohne Unterlaß. Sie begriff nicht, was die Menschen veranlaßt haben konnte, jenem Fremden die Brust zu verletzen, so daß ihm sein Blut verrann und daß seine großen Augen sich schließen mußten vor Schmerz oder Schwäche. Auch war niemand zu sehn, der ihm hätte helfen können, und der große Eichbaum stand ruhig da im Tageslicht.