[Sechstes Kapitel]

Wenn im Sommerwind der Wald erbrauste, erhob sich Hirte, rückte den plumpen Kopf vor und knurrte. Seine Augen suchten im Unsicheren der bewegten Gründe, und oft drängte er sich an Anje und verriet Furcht. Das Mädchen wußte, daß der Wald von unsichtbaren Gestalten bevölkert war und verstand Hirtes Angst. Wie viele Menschen, die unter der Willkür erzittern, die in den Unbilden der Witterung lauert, und die zugleich in ihrem Unterhalt von der Gnade der Natur abhängen, glaubte auch Anje daran, daß die geheimnisvollen Mächte der Natur in unsichtbaren Gestalten einhergingen. Im ruhigen Sonnenschein hielten sie sich verborgen, aber sie erwachten und erhoben sich mit dem Sturm, mit der Dämmerung und mit dem Nebel. Sie waren je nach ihrer Art und Berufung dem Menschen freundlich oder feindlich gesinnt, und man tat gut daran, sie nicht zu erzürnen. Sie rächten ihren Unwillen an allen Wesen, die in ihre Gewalt gerieten, oder sie befreiten die Bedrängten, nach ihrem Willen. Es gab Orte, die deutlich von ihrem Aufenthalt Zeugnis ablegten, und wer klug war, vermied es sorgsam, sie zu betreten. Sie hetzten das Wild, das ihre Heimstätten entweiht hatte, in die Schlingen der Wilderer, scheuchten die Sumpfvögel in verhängnisvollen Augenblicken aus ihren Schlupfwinkeln auf, so daß sie sich durch ihr Geschrei den Jägern verrieten, oder sie lockten Fremde durch ihre Nachtlichter vom Wege ab in die Wirrnis des Dickichts oder ins Moor.

Anjes Augen hatten sich an das geheimnisvolle Wesen dieser Lichter gewöhnt, die von den Nachtgeistern plötzlich in ein Stückchen moderndes Holz oder in ein Glühwürmchen verwandelt werden konnten. Sie wußte, daß dieser tote Glanz ungewohnte Augen über seine Nähe oder Entfernung täuschen konnte, sie hatte erfahren, daß solch ein Lichtlein den Blicken oft als Schein in weiter Ferne am Waldsaum oder im Sumpfgrund erscheinen konnte, während es doch in Wahrheit dicht vor den getäuschten Blicken totenstill in einem Busch hing.

Aber sie selbst fürchtete die Geister der unberührten Natur nicht, da sie ihr Reich kannte und nach ihrem Willen lebte, sie hatte ihre heimlichen Mittel gegen ihre Willkür und erkennbare Wahrzeichen ihres Schutzes, zu denen das Feuer gehörte. Oft blieb sie nachts am Rand des Tannenwalds, im weißlichen Birkenhain oder in den Weiden der Niederungen. An solchen Orten hatte sie kleine Feuerplätze errichtet, dürres Holz angesammelt, oder im Dickicht eine Laubwand gegen den Nachtwind oder gegen den Mondschein geflochten, denn der Mond durfte Schlafenden nicht auf ihre Lider scheinen, weil sie sonst am kommenden Tage Träumen nachhingen und die Welt ihrer Vorstellungen sich mit der Wirklichkeit vermischte.

Wenn sie dort in der hereinbrechenden Nacht ihr Feuer hütete, hörte sie die Stimmen der Tiere, die des Nachts leben, sie wechselten mit dem Gang der Stunden und verstummten gegen Mitternacht. Dann kam die ruhigste Stunde und endlich langsam das Licht. Dieser Wechsel der Nacht zum Morgen hatte die größte Gewalt über Anjes Seele, es gab nichts für sie in der Welt, was sie andächtiger stimmte, und er erfüllte ihr Wesen mit einer feierlichen Traurigkeit. Ihr war zu Mut, als müßte ihr Herz in zwei Teile zerbrechen, als hinge es dem Scheidenden nach und verlangte zugleich mit derselben Stärke des Bluts nach dem Kommenden. Sie wurde sich in solcher Stunde dessen bewußt, daß sie als Mensch allein ihr irdisches Leben verbrachte, und hätte darüber in Tränen ausbrechen können, wie erfüllt von Herrlichkeit dieses Leben war. Nur in dieser Ergriffenheit überkam sie zuweilen auch der Gedanke an den Tod ihres Leibes. Sie legte ihre harte kleine Hand, die vom Tau kalt war, auf die Stelle ihrer Brust, unter der ihr Herz klopfte, und versuchte zu begreifen, daß der Augenblick kommen sollte, an dem dies Pochen endete, und an dem nur andere noch diese Glieder, die Hand und Füße, die ihr gehörten, bewegen und betasten konnten. Der Gedanke, daß ihr Leib dann dem Willen anderer überliefert sein sollte, füllte sie mit Schrecken, sie beschloß, im Wald zu sterben, in unauffindbaren Gründen des Dickichts unter Ranken und braunem Laub.

Nach solchen Gedanken konnte sie den Tau von ihren Augenlidern streifen, so still hatte sie dagesessen und so erstarrt hatten ihre Blicke auf einem einzigen Punkt am Boden geruht. Oft war es ein Tannenzapfen gewesen oder ein Farrenbüschel, und wenn sie am Tag, mitten im Sonnenschein, ihre Augen schloß, erschien ihr dieser Gegenstand so deutlich, daß sie glaubte ihn greifen zu können. Er trug noch die Spuren ihrer Gedanken wie ein dämmriges Kleid und legte seine Schleier über das tiefe Grau ihrer Augen. –

Es war noch früh, als Anje an einem Sommermorgen durch die nassen Waldfarren den Niederungen des Gurdelbachs zuschritt, um zu baden. Als sie in das Bereich des Schilfes trat, mußte sie vorsichtiger gehen, von den grünen Halmen erhoben sich träge große Libellen mit schwarzblauen Flügeln, es war so still in der Sonne, daß man das Rascheln ihrer Flügel hören konnte. Wo der Birkenhain bis an das Ufer trat, machte der Fluß eine scharfe Wendung, die Böschung war unterspült und der helle Kiesgrund leuchtete durch das klare Wasser. Anje schlug einen losen Knoten in ihr gelbes Haar, warf ihren grauen Kittel ab, der nur bis an die Knie reichte, und trat langsam, Schritt für Schritt in die kühle Flut. Eine Schlange wurde durch Anjes Kommen im Moordunkel der Böschung aufgeschreckt, anfangs versuchte sie den überhängenden Uferrand zu erreichen, kehrte dann aber um und schwamm über den Fluß. Die Strömung trieb sie ein wenig ab, ihre gelassenen Bewegungen im Wasser zogen die Blicke an, Anje betrachtete das Tier aufmerksam und ohne Furcht, bis es ihren Augen entschwunden war. Dann ließ sie sich langsam rücklings niedersinken, als vertraute sie sich den Armen Gottes an. Das Wasser schlug für einen Augenblick über ihr zusammen, und als sie wieder emportauchte und es aus ihren Haaren schüttelte, erschien ihr die Welt zu einer neuen Klarheit wiedergeboren, der blaue Himmel strahlte bis an den Grund ihres eilenden Herzens, der Wald schimmerte in Sonnenruhe, und jede neue Welle trug eine Fülle von Frische und Licht. Die Berührungen des Windes erweckten im Blut die fröhlichen Gewißheiten einer Geborgenheit im lebendigen Erdengut.

Als das Mädchen sich nach einer Weile erhob und ins flachere Wasser trat, um ihr Haar zum Trocknen der Sonne hinzuhalten, sah sie einen Menschen zwischen den Birken stehn. Er war noch etwa zwanzig Schritte vom Ufer entfernt, die Farrenkräuter und das Schilf verdeckten ihn ihren Blicken bis an seine Knie. Seine Hände waren etwas erhoben, er schien wie erstarrt, der Ausdruck seines jungen Gesichts war von qualvoller Spannung, von der sich schüchtern der Glanz eines großen Entzückens abhob.

Nun, da er sich von Anje entdeckt sah, verwandelte sich der Ausdruck seines Gesichts in Unsicherheit und Befangenheit, er hob den Arm und rief etwas. Es klang wie eine Bitte um Verzeihung, Anje verstand ihn nicht, sie empfand auch nicht, daß alles am Gebaren dieses Fremden davon sprach, daß er nicht zu glauben wagte, was sich seinen Blicken darbot. Er starrte das Mädchen immer noch voll Angst und Hoffnung an und begriff diese Ruhe ohne Scheu nicht, in der sie ihn mit unverwandtem Blick beobachtete. Es erschien ihm, als habe er ein Tier des Waldes aufgestört, das zwischen Schreck und Furcht verharrte, um im nächsten Augenblick in blinder Flucht durch die Büsche zu brechen.