Aber es geschah etwas ganz anderes, als er sich einen Schritt näher wagte, gewahrte er, wie das Mädchen sich ohne ein Wort der Abwehr und ohne eine Gebärde der Furcht langsam niederbückte. Dann sah er ihren Körper in einer Bewegung von herrlicher Freiheit jählings erhoben, gestrafft und vorgebeugt, und ein großer Kieselstein prallte dicht neben ihm mit lautem Schall an den Stamm einer Birke. Und ehe er sich recht besann und die Gesinnung ermaß, die hinter dieser Haltung sein möchte, traf ein zweiter, faustgroßer Stein seine Schulter. Es war ihm, als wäre der furchtbare Schmerz, der ihn fast niederwarf, aus einem blitzenden Sprühn, aus goldenem Licht eines beschützten Hauptes und aus silbernem Glitzern eines gepanzerten Körpers zu ihm gesandt worden, er schrie laut auf und taumelte ein paar Schritte voran. Er verstand seine eigenen Worte nicht, die Wut und Begierde und tödlichen Schreck verrieten. »Wer macht so grobe Scherze, die das Leben gefährden«, schrie er. Er begriff nicht, daß die festen Züge vor ihm weder Scham noch Furcht verrieten und auch nicht einen Schein jener Besorgnis, die er erwartete und die ihn ermutigt hätte. Im Gesichte des Mädchens las er einzig den Wunsch, mit dem Stein zu treffen, den sie gelassen, beinahe behaglich, in ihrer braunen Hand wog.
Dieser Stein traf ihn im Winkel seines Auges, zwischen der Schläfe und dem Backenknochen. Er sank lautlos, ohne noch eine Bewegung zu machen, mit dem Gesicht in die Farrenkräuter.
Anje ging langsam, aber ohne Zögern, durch das Schilf auf den Gefallenen zu. An ihrem Körper rann das Wasser glitzernd nieder und blinkte auf in dieser Halbsonne, wie sie unter dem Laub der Birken herrscht. Die Schattenschleier gaben dem Licht einen unwirklichen Schein, Anjes nasses Haar lag wie Gold auf ihrer Schulter. Diese Goldlichter huschten über ihren ganzen Körper hin und hüllten ihn ein.
Der Fremde lag totenstill im Farren. Eine kleine Spinne kroch hastig über seine Schulter, und die Hand lag breit gespreizt auf einem Moospolster. Anje sah nun, daß er ein Gewehr trug und einen Hirschfänger am Gürtel. Um das Gesicht zu sehn, mußte sie seinen Kopf wenden, und sie tat es vorsichtig und neugierig. Die Wunde entstellte sein Gesicht, das ihr ebenmäßig, aber wesenlos erschien, sie ließ seine Haare beinahe verächtlich los, als der erloschene Blick aus den halbgeschlossenen Augen ihr begegnete. Da sie Blut von der Schläfe rinnen sah, durchsuchte sie seine Taschen nach einem Tuch, und als sie es gefunden hatte, verband sie den Besinnungslosen mit Sorgfalt, wie sie es bei ihrem Vater gesehn, wenn seine rauhe Arbeit ihm Schaden getan hatte. Dann holte sie ihren Kittel, bekleidete sich und trat gelassen den Heimweg an.
So kam Anje in Fridlins Leben. Er drängte sich ihr mit dem gedankenlosen Eigensinn seiner Jugend seit diesem Tage auf und vergaß sie um so weniger, als er nicht begriff, wie leicht er ihr verzeihen konnte. In der Försterei, in der er bedienstet war, erhielt er damals bald Auskunft, der Förster selbst lachte belustigt, aber ein wenig verächtlich, und nahm sich später den jungen Menschen für ein besonderes Gespräch beiseite, und die Mitteilungen, die dabei gemacht worden sind, mußten sehr ernster Natur gewesen sein, denn sie stimmten Fridlin für lange Zeit nachdenklich.
In der Küche wußten die Mägde später weit besser Bescheid, der junge Mann hörte mißmutig zu, aber er konnte sich nichts entgehen lassen, obgleich er die Torheiten verachtete, die über Gerom und sein Kind im Lande in Umlauf waren.
»Was wollt ihr denn,« sagte er mürrisch, »sie wird ein Mädchen sein, wie alle anderen.«
Fridlin lehnte im Türrahmen, im grünen Lindenlicht, das durch den Hof auf die sauberen Geräte der Küche sank und auf die nackten Arme der hantierenden Frauen.
»Du mußt es ja erfahren haben,« gab die junge Magd zur Antwort und sah Fridlin besorgt und aufmerksam an, »geh nicht mehr hin, so viel sag' ich.« Und sie lachte und sah auf die Beule in seinem Gesicht, die ihn entstellte.