Was er beim Förster, seinem Dienstherrn, gehört hatte, war ihm bedeutungsvoller. Gerom wilderte. Er stand schon seit lange im Verdacht, und wenn Fridlin bisher nicht darüber unterrichtet worden war, so war es mit Vorbedacht unterblieben, da der Alte den unbesonnenen Eifer des Burschen mißachtete. Er kannte Gerom und wußte, daß mit ihm nicht zu scherzen war, daß er niemand fürchtete und daß ihm sein eigenes Leben gering galt. Er selbst hatte bisher kaum mehr getan, als dieses Gelüste des verwilderten Mannes, wie Gerom ihm erschien, nach Möglichkeit in Grenzen zu halten, denn er wußte wohl, daß Gerom kein Gewerbe aus seinem Raube machte, sondern daß er um der Gefahr und Freiheit willen jagte, die die Jagd, wie sonst kaum etwas, mit sich bringt.

Es kam hinzu, daß Gerom den Wildbestand nicht unvernünftig gefährdete, sondern sinnvoll und mit dem Anstand des gerechten Weidmanns vorging; so viel ließ sich leicht feststellen. Und deshalb liebte der Förster, der ein guter Jäger war, Gerom mit Bewunderung und Neid verbunden. Gerom war ihm an Geduld überlegen und nicht weniger in seinen Kenntnissen der Waldwelt, und da alle Gewerbe, deren ursprüngliche Ausübung sich mit den Darbietungen der Natur verbindet, Edelmut und Großzügigkeit bewahren, so duldete der Förster Geroms Treiben, beinahe ohne daß dieser Schritt gegen sein Pflichtbewußtsein ihn im Gewissen bedrängte. Es kam jenes Gefühl hinzu, das alle Herzen im Lande bewegte, soweit Gerom und sein Schicksal bekannt waren, daß dem Manne vom Leben bitteres Unrecht geschehen sei und daß er freiwillig eine Strafe, über die menschliche Gerechtigkeit hinaus, zu verbüßen schien.


[Siebentes Kapitel]

Es war an einem Herbstmorgen, als der Pfarrer von Gorching ins Moorland hinabschritt, um die Leute dort zu besuchen, die zu seiner Gemeinde gehörten. »Meine drei Heiden«, sagte er. Er kannte Geroms Geschichte, und ihm war viel Widerspruchsvolles über Anje zu Ohren gekommen. Es ging ihm, wie es Leuten seiner Art und seines Berufs leicht zu ergehen pflegt, er vermutete hinter unverständlichen Dingen das Wirken des Bösen, und seine Meinung war, daß das Gute und das klar Verständliche immer das gleiche sein müßten und Hand in Hand gingen. Er selber schien einen Teil dieser einfachen Erkenntnis darzustellen, denn seinem schlichten Sinn ordnete sich die Welt nur in solchen Begriffen, die er mit seinen Handlungen in Einklang zu bringen vermochte. Dabei war er ein Mann von Klugheit und Nachdenklichkeit und glücklich genug, für die erste dieser Eigenschaften nicht zu viele Gedanken und für die zweite nicht zuviel Verstand zu besitzen. Das mochte ein Grund dafür gewesen sein, daß er sich geduldig in das vergessene Dorf Gorching senden ließ. Man hatte ihn auf seinem städtischen Posten nicht brauchen können, weil er nicht in der Lage gewesen war, den Menschen gegenüber jene Strenge aufzubringen, die als heilsam gilt.

Auf seinem einsamen Weg in die Einöde gestand er sich ein, daß es eine heimliche Scheu gewesen war, die ihn bisher davon abgehalten hatte, Gerom zu besuchen, aber je länger er in Gorching weilte, um so mehr empfand er, daß eine bedeutungsvolle Einwirkung aus dem Moorland her auf den Gemütern lastete. Ihm war es oft erschienen, als erhöbe sich mit dem Dunst der Abende aus dem Sumpf der Einöde auf grauen Schwingen das Gespenst des Aberglaubens und schliche in die Hütten und Herzen seiner Menschen. Je mehr man es ihm zu verbergen trachtete, um so mehr beschäftigte es ihn. Was hatte mit dem Seufzer eines Verscheidenden, an dessen Schmerzensbett er gesessen, das Anjekind zu tun? Und was hatte Elsbetha bei der alten Onne zu schaffen, als ihr Mißgeschick widerfuhr und sich in Gorching niemand ihrer annahm? Seinen Fragen wich man aus, und seine Ermahnungen stießen auf einen Trotz, aus dessen Grund die verschwiegene Überlegenheit der Verstocktheit sah.

Da es ein Freitag war, an dem er sich auf den Weg gemacht hatte, so kam es, daß er nach einer guten Weile der alten Onne begegnete, die hinter ihrem Wagen her nach Gorching humpelte. Er redete sie an, und ihm wurde über ihrem Anblick heiter zumut, aber er verstand ihre kargen Antworten kaum. Als er nach Gerom fragte, lachte sie ihn an, drückte sich noch mehr zusammen, als die Jahre sie ohnehin eingepreßt hatten, und öffnete ihren Mund, so daß ihr einer schöner Zahn, auf den sie sehr stolz war, aus den dunklen Landschaften ihrer Kiefern funkelte. Er solle nicht gehn, so viel ließ sich verstehn. Da der junge Pfarrer merkte, daß sie wohl begriff, was er selbst sagte, begleitete er sie ein Stückchen Wegs zurück, wobei er hilfsbereit ihren Wagen ergriff, um ihn zu schieben; aber Onne brauchte den Wagen als Stütze, und er mußte ihn ihr zurückgeben. Dabei dachte er, nicht eben gesicherter in seinen Absichten: So kann es uns bei den Wohltaten ergehen, die wir zu erweisen glauben.

Aber dann sprach er liebevoll und mit großem Ernst zu ihr; die heimliche Beschämung, die er empfand, wenn er ihr eingeschrumpftes Gesicht sah, das kaum noch einem Menschenantlitz glich, ließ sich durch den beglückenden Eifer seiner Überzeugung verdrängen. Dann wieder mußte er sich sagen: Ist sie dem Vater im Himmel nicht näher als du?

Nun blieb sie stehn und antwortete ihm etwas, der Pfarrer beugte sich zu ihr nieder, denn es verlangte ihn sehr danach zu wissen, welchen Widerhall seine wohlmeinenden Worte in ihr weckten. Es war ihr wichtig, sich verständlich zu machen, so viel war sicher. Nach langer Mühe hatte er sie verstanden. Ob er Pilze brauchen könnte …

Die Birken warfen schon ihr empfindsames Laub ab, es sank durch den Sonnenschein in die Gräben nieder, die sich nach dem letzten Regen zu beiden Seiten der Straße gebildet hatten, spiegelte sich im Fallen und ruhte im unbewegten Schwarz des Wassers vom Sommerwind aus. Das Moorland wurde immer öder, als nun der Pfarrer weiterschritt, die Steppen hatten sich gelbbraun gefärbt, von einem warmen Kupferton untermischt, gegen den die weißen Birkenstämme schimmerten. Mit niedrigem Gebüsch, das im Dunst lag, begann in der Ferne das verwilderte Waldland der Einöde. Die Welt erschien unermeßlich groß und verlassen.