Es begegnete ihm niemand mehr. Ratlos stand er endlich vor der Sumpfwildnis der Einöde, nirgends war ein Pfad zu sehen, das Buschwerk, die Erlen und Birken standen im seichten Wasser, das Schilf sirrte leise im Wind, und mit jedem Schritt wurde das Dickicht undurchdringlicher. Er erblickte Schlingpflanzen, die er niemals gesehn hatte, und im Moorwasser blühten immer noch kleine weiße Blumen mit zarten Stielen. Umgesunkene Stämme vermoderten zu warmem Schutt, der glomm und duftete, und nichts rührte sich als der Luftzug über dem Wasser. Wild und traurig hauchte es ihm entgegen und wies ihn ab; er atmete auf, als er nach einer Weile wieder auf dem gesicherten Boden der Landstraße in der Sonne stand.
Um seiner Erleichterung willen befiel ihn ein Gefühl von Beschämung, er begriff nicht, daß die Atemzüge der unberührten Natur ihm Entsetzen einzuflößen vermochten. Als er wohl eine halbe Stunde lang am Moorrande der Einöde dahingeschritten war, erspähte er eine Lichtung jenseits des kleinen Bachs, der träge am Rand seiner Straße floß, und er sah in einem Weidengebüsch drei behauene Fichtenbalken, die eine Brücke bildeten. Jenseits lief eine schmale Wagenspur durch das Gras, und ein wenig weiter war deutlich ein Waldpfad erkenntlich. Der Pfarrer erinnerte sich Onnes Gefährts, diesen Weg mußte sie gekommen sein, und er beschloß ihm nachzugehn.
Die Sonne, die nun verhangen war, hatte ihren Höhepunkt am Himmel erreicht, so daß es gegen Mittag sein mochte. Geroms Ansiedlung lag eine Stunde vom Weg entfernt, und der Pfarrer hoffte, sie in diesem Zeitraum erreichen zu können. Der Waldpfad wand sich durch Dickicht und über Sümpfe dahin, zuweilen hart am Rand eines Flusses durchs Schilf, dies mußte der Gurdelbach sein. Onnes Behausung lag schon hinter ihm, sie war ihm entgangen, wie den meisten, die das Moor betraten, ehe der Herbst es gelichtet hatte.
Dem Schreitenden war zumut, als dränge er mehr und mehr in die Bereiche einer ganz neuen Welt vor. So mag es von Ursprung her auf der Erde gewesen sein, dachte er. Es bedrängte ihn eine Scheu, die ihm zuweilen den freien Atem benahm, und er fürchtete sich vor dem Geräusch seiner Schritte. Der Weg führte über eine morsche Holzbrücke, die ohne Geländer und grob gefügt war, jenseits in einen Tannenwald. Im roten Dämmerlicht zwischen den alten Stämmen, die sehr dicht standen, vernahm er auf dem Nadelteppich den Klang seines Fußes nicht mehr. Es war totenstill umher, auf dem Boden wuchs kein Hälmchen, alles schien in der Grabesruhe erstorben zu sein, die herrschte. Hier und dort hatte ein scharlachrot leuchtender Pilz sich aus dem Nadelteppich erhoben. Es kam ein Birkenwald, dessen weißliches Moderlicht unwirklich glomm nach der dunklen Versunkenheit der Tannennacht. Ihm kam dieser Schein wie jenes tote Leuchten vor, das er aus seiner Knabenzeit kannte, wenn er, lange im Sonnenschein liegend, die Augen geschlossen hatte und sie dann öffnete. Der Boden war hügelig und voller Sumpflöcher, weiße Stämme, die umgesunken waren, faulten im Grund, der fahle Silberhauch dieser Waldferne betörte das Auge, er wirkte bald nah, bald unerreichbar fern.
Da lauschte er beklommen auf, die Einöde erklang. Er begriff nicht, was ihm zu Ohren drang, und ein jähes Entsetzen ließ sein Blut stocken; er griff an sein Herz, und ein Zittern kam ihn an. Es tönte melancholisch und in wortlosen, beinahe tierhaften Klagelauten auf und schloß weich und trauervoll in einem langgezogenen, unaussprechlich holden Versinken der Klänge in Wind und Weite und Dämmergrün.
»Was ist das, was ich höre?« stammelte er und fühlte, daß seine Lippen kalt und leblos wurden. Er verstand nicht, was ihn an diesen gesungenen Tönen so mächtig ergriff, diese Klage kam fremdartig heran, menschlich und doch wie aus Bereichen des Unbewußten, aus dunkler Ferne und doch vertraut.
Da sah er am Ufer des Gurdelbachs ein Mädchen sitzen, sie war es, die gesungen hatte, ein unscheinbares Geschöpf, beinahe noch ein Kind, mit hellem Haar und in einem grauen Kittel. Als er auf sie zutrat, sah sie ihn an, ohne mehr zu rühren als den Kopf, den sie ihm langsam zuwandte.
Anje Gerom konnte es nicht sein. Er stand noch im Bann des seltsamen Singsangs, den er eben gehört hatte, und sein Blut gaukelte ihm törichte Bilder vor. Anje Gerom ist ein großes Mädchen im weißen Gewand, mit langem Blondhaar und einem feierlichen Schritt, dachte er. Sie ist schlank und würdig, die Rehe flüchten nicht, wenn sie einherschreitet, und ihre milden Augen streun Frieden aus, wie der Mai Blumen. Jedoch dies dort ist eine kleine Wildkatze, sie schaut mich an, als dächte sie an ihre Krallen, und sie ist häßlich, weiß Gott, recht häßlich ist sie. Ihre tiefe Stimme klang ihm im Blut nach. Es ist das Kind eines Torfstechers, dachte er unsicher, und plötzlich zog es ihm durch den Sinn: die Sonne scheint, sei gepriesen, Vater im Himmel.
Er trat auf das Kind zu.
»Ich möchte das Haus Vinzenz Geroms finden, wer bist du, Kind? Sieh mich an.«