„Ich habe stets nur Böses von den Hornissen gehört, aber Sie sind nicht böse. Ich kann nicht glauben, daß Sie böse sind.“
Der Krieger sah Maja ruhig an:
„Es gibt überall böse und gute Leute“, sagte er ernst. „Aber wir sind eure Feinde, das vergiß nicht. Es wird immer so bleiben.“
„Muß denn ein Feind immer schlecht sein?“ fragte Maja. „Als Sie vorhin in die Nacht hinausschauten, habe ich vergessen müssen, daß Sie hart und mir feindlich sind. Mir war zumute, als ob Sie traurig wären, und ich habe immer gemeint, Wesen, die traurig sind, können unmöglich böse sein.“
Und als der Wächter schwieg, fuhr Maja um vieles mutiger fort:
„Sie sind mächtig. Wenn Sie wollen, können Sie mich wieder in meine Zelle schaffen und ich muß sterben, aber wenn Sie wollen, so können Sie mir auch meine Freiheit schenken.“
Da richtete der Krieger sich auf. Sein Panzer klirrte ein wenig, und der Arm, den er hob, blinkte im Mondlicht, das verblassend auf dem Tor lag. Kam schon der Morgen?
„Du hast ganz recht,“ sagte er, „diese Macht habe ich. Diese Macht ist mir von meinem Volk und meiner Königin anvertraut worden. Der Befehl lautet, daß keine Biene je wieder die Burg lebendig verlassen darf, die sie einmal betreten hat. Ich werde meinem Volk Treue halten.“ Und nach einer Weile des Schweigens fügte er leiser hinzu, als spräche er zu sich selbst: „Ich habe zu bitter erfahren, wie weh die Untreue tun kann, als Schnuck mich verließ ...“
Die kleine Maja stand erschüttert und wußte nichts zu antworten. Ach, sie selber trieb das gleiche Gefühl, die Liebe zu den Ihren, die Treue gegen ihr Volk. Sie fühlte, hier gab es kein anderes Mittel mehr als List oder Gewalt, es tat jeder seine Pflicht und doch blieben sie einander fremd und feind. — Aber hatte der Krieger nicht zuletzt einen Namen genannt? Hatte er nicht von einer Untreue gesprochen, die jemand gegen ihn begangen hatte? Schnuck kannte sie ja, war das nicht die schöne Libelle gewesen, die am Seeufer bei den Wasserrosen wohnte? Sie bebte vor Aufregung, vielleicht lag hier eine Rettung für sie, aber sie wußte noch nicht, inwiefern. Vorsichtig fragte sie:
„Wer ist denn Schnuck, wenn ich fragen darf?“