»Du hast es ihr gesagt ...«
»Wenn man den Weg über unser Dorf nimmt und sich nach Westen hält, so kommt man in eine schöne Gegend, die bewaldet ist und Seen hat. Ich war mit einem ... mit einer Freundin einmal dort, und wir verlebten schöne Sommertage. Freilich, das Meer ist es nicht ...«
»Ich kenne solche Gegenden wohl, Kaja, wer so viel unterwegs ist wie ich, der sieht mancherlei. Solche Orte haben Beschaulichkeit und Besinnung für sich, und man verweilt an ihnen, wie um sich zu sammeln oder zu rüsten, nicht eben ungeduldig, aber voll ungestillter Erwartung. Solche Wohltaten befriedigen mich nicht, obgleich ich sie zuweilen aufsuche und über mich ergehen lasse. Die lauen, stillen Wasser erfrischen nicht, und zuweilen ist mir unter diesen Bäumen, als müßte ich mich auf ihre Wipfel stemmen, um hoch über sie fort in die Runde zu schauen. Nein, das Meer ist es nicht.«
»Mich drängt es jetzt oft in die großen Städte«, meinte Kaja nach einer Weile. »Mit meiner Mündigkeit werde ich unabhängig sein. Hier ist es still und langweilig.«
Ein weißer Schmetterling flatterte heran, ließ sich eine Weile vor uns auf einen Halm des zähen Deichgrases nieder und gaukelte dann auf das Meer hinaus. Er entschwand bald unsern Blicken, die ihm folgten. Kaja ließ den trockenen Sand durch die Finger gleiten.
»Dir wird es an nichts fehlen«, nahm sie nach einer Weile die Unterhaltung aufs neue auf. Wieder begleitete ein haltloses Lächeln ihre Worte, und diesmal war mir als verscheuche sie in ihm etwas wie eine flüchtige Regung des Kummers. Es mußte wohl so sein, denn sie fuhr langsam fort: »Vielleicht haben manche Stärke, aber du hast etwas anderes. Ich möchte dir gern etwas darüber sagen, aber wie soll ich es tun? Ich unterlasse es nicht, weil ich es für unnütz halte, sondern weil ich es nicht kann. Möchtest du doch scheiden und glauben, ich sei glücklich; wenn du das könntest, wie schön wäre das. Ich weiß, daß du keine Ruhe hast, bevor du nicht gut von andern denken kannst, das ist deine große Unruhe. Aber nun muß ich fort. Gute Reise, Lieber.«
Wir gaben uns nicht mehr die Hände, sondern wandten uns ab, und ich schritt davon, ohne mich umzusehen. —
Ja, das war nun einmal ein Gehen, immer Fuß vor Fuß, als träte ich eine sinnlose Maschine. Ich muß wohl zu Boden geschaut haben, denn ich sehe noch heute den Sand des Strandes und dann die graue Bahn der Straße unter mir fließen. Staublinien und Furchen, kleine Steinchen, Lichtflecke und auch schon herabgesunkene Blätter, da der Sommer vorgeschritten war. Ich häufe und mehre etwas zwischen ihr und mir, dachte ich, es wird langsam, mit jedem neuen Schritt größer. Ich blieb stehen, ohne den gefesselten Blick zu wenden und lauschte auf etwas. Es waren die Stimmen der Natur, jene Laute, die wir längst gewohnt sind zu überhören, die Wanderstimmen der Luft und das Flüstern von Pflanzen, Insektensummen und das leise Regen des Wassers in der Sommerstille. Auch erklang hier und da ein Vogellaut. Auf der Erde bin ich, dachte ich, ach könnte ich sie, die unerreichbare, unübersehbare, zwischen dich und mich legen. Aber du sollst nicht sinnen, mein Haupt, nicht pochen, Herz, ihr tragt schaurige Ungewitter von Bitternis und Zorn, Schmach und Wut, und ich darf nicht vergessen, ich darf nicht vergessen!
Ich kann nicht umkehren und kann nicht vergessen. Der eine Fuß am Boden rief mit dumpfem Aufschlag: Vergessen! der andere rief: Umkehren! Und mir war, als müßte ich diese Rufe wie Steine, Wort für Wort auflesen, sie häuften sich als ein Berg in meiner Brust, und ich mußte die Last schleppen. Wie licht hat es mir doch durch manche Träne des Abschieds einst geschimmert, aber nun wird es umher dunkler und dunkler.
Das Licht versank, es wehte kühl aus dem Wald, der mich aufnahm. Ich schritt tief gebeugt, und meine Hände hingen herab, mein Schritt klang nicht mehr, denn ich hatte nun Moos und Walderde unter den Füßen, die ziehende Bahn der Straße hatte ich nicht mehr ertragen können, mir war zuletzt gewesen, als müßte ich die eilende unter mir, die sich zwischen mich und mein Leben legte, mit meinen Händen halten, die Kaja gehalten hatten.