»Sie sind sehr freundlich,« sagte ich ohne zurückzutreten, »aber mir ist mit einer kleinen Geldsumme nicht gedient. Wenn Sie keine Bücher verleihen wollen, so muß ich unverrichteter Sache wieder meines Wegs gehen. Aber ich will es nicht tun, ohne einen letzten Versuch zu machen, Sie davon zu überzeugen, daß weder ein unbedachter und leichtfertiger Einfall, noch die Gier nach einem unverdienten Vorteil mich zu Ihnen geführt haben. Wenn ich den Reichtum an Unterhaltung, Belehrung und Erhebung, an menschlicher Freude und menschlichem Erleiden überdenke, den Sie in Ihrem Zimmer angesammelt haben, all das erschlossene und unerschlossene Glück, das diese Bände bergen, so erscheint es mir für einen Augenblick ungerecht, daß diese farbige Welt mit ihren Landschaften der Seele und der Erde hier verborgen und unbenutzt liegen soll, während ein paar Häuser weiter ein Mensch, der dies alles und mehr in kurzer Zeit für immer aufgeben muß, Verlangen danach trägt, für eine Stunde seine Armut und sein Geschick zu vergessen.«

Es entstand eine kleine Pause, als ich schwieg. Ein sonderbarer Blick voll Gift und Staunen traf mich, haftete wider Willen an meinen Zügen, umglitt mich, verächtlich geworden, und löste sich endlich in einem Lächeln, voll Neugier und Herablassung.

»Schon gut, schon gut,« sagte er, »Sie werden mich nicht beschwatzen.«

Nach diesen häßlichen Worten brach plötzlich eine befangene Gutmütigkeit im Ausdruck seines Gesichts durch, die ich nicht erwartet hatte, und die ich mir nicht erklären konnte, obgleich sie das einzige war, was auf mich wirkte. Wahrscheinlich hat er mir zuvor seine Kraft beweisen wollen, ehe er mir seine Schwäche verrät, dachte ich und darüber wurde ich mutlos, denn ich erkannte aufs neue, was unter den Menschen als stark gilt und was als schwach.

Da es in meiner Art und unbewußten Neigung lag, den Fortgang eines Wegs immer dort zu suchen, wo ich am tiefsten durch das Wirrwarr der Erscheinungswelt blickte, sprach ich als Antwort von dem, was ich erkannte und sagte:

»Nun Sie mir durch Ihr Wort bewiesen haben, wie wohl Sie gegen meine Tücke gewappnet sind, wird Ihr Herz einen freien Weg für seine Güte finden können.«

Mein Gegenüber lachte breit und ungeschickt auf, so daß ich ihn für einen Augenblick bedauerte, aber ich gab dieser Ablehnung nicht nach, sondern wappnete mich aufs neue, ich war entschlossen, zu meinem Ziel zu kommen. Ein leise quälender Zweifel nagte tief in mir und für einen Augenblick haßte ich diesen Mann, der den Wert der feinen Fügung meiner Gedanken verstieß, als spräche ein Narr zu ihm. Ich haßte die Kraft in ihm, die nichts als Roheit war, die ich hassen werde, solange ich atme, die am Tor aller Vernunft und Freiheit lauert und sich Männlichkeit nennt. Da er nun auch noch sagte: »Das war nicht schlecht geantwortet«, verzagte ich fast, denn ein Lob aus der Welt, die wir verachten, ist ärger als ein Tadel aus der Welt, die wir lieben.

»Woher kommen Sie denn eigentlich, wer sind Sie, haben Sie eine Schule besucht? Nun antworten Sie einmal.«

»Lassen Sie mich in Ruh«, sagte ich schroff. »So wohlfeil werden Sie Ihr Gefühl der Überlegenheit, das Sie vermissen wie eine Krücke, nicht zurückbekommen. Was geht Sie das an, woher ich komme? Wollen Sie mir ein Mittel geben, Sie sichtbar zu täusche, damit es Ihnen leichter wird, mir nicht zu glauben? Sie glauben mir längst. Ich lasse mich nicht auf ein Gebiet locken, auf dem Sie schon deshalb recht behalten, weil Sie eine hohe Haltung gegen eine niedrige vertauschen.«

»Das ist also einfach eine Unverschämtheit«, sagte mein Gegner freundlich, lachte und setzte sich breit und sicher mitten auf seinen Sessel.