Da fragte ich: »So glaubst du nicht an die Erlösung der Unerwählten?«

»Nein,« sagte Asja, »die Unerwählten sind es, die wiederkehren, nicht die Erwählten, denn die Unerwählten sind es, die noch der vergänglichen Gestalt allein angehören, dem Wandel der Natur. Sie sind der sinkende Becher, die Verschüttung und Beerdigung, die Wehmut der Hoffnung auf eine Heimkehr, die auch sein wird, jedoch zur Erde, zur Mutter. In diese Wehmut hat die Welt die Gestalt des Einzigen verwoben, um dieses Irrtums, dieser Schuld willen sinkt die Kirche in den Staub, die sein Wort nicht verstand: Laß die Toten ihre Toten begraben, sondern die die Hoffnung der innerlich Toten unter den lebendigen Menschen auf die Gräber wies. Erkennst du im Bild der Geschichte nicht deutlich, wie Maria, die Mutter, am Altar auftaucht, jemehr der Christus selbst verhüllt und verschüttet wird, und wie der Sohn zum Kinde wird? — Er wird wieder zum Mann werden, und aus den Schleiern jener Wehmut treten, die die Erde, die Mutter, das Heimweh der Unberufenen, um seine helle Stirn gelegt hat. Sie haben ihm den Hirtenstab gegeben und das Schwert der Entscheidung genommen, von welchem er gesprochen hat, als er vom Geisteswesen seines Kommens, vom Sinn seiner Sendung redete.

Nein, er hat nichts mit dieser Wehmut gemein. Auch hat er nichts mit denen gemein, die von ihrer Hoffnung sprechen, irdisch, nach dunkler Wandlung, in erneuter Gestalt wiederzukehren. Es ist kein Licht in dieser Zuflucht, keine Erlösung, denn der Wandel der Natur hat keine Kraft über seine Kreise emporzuheben, allein der Geist. Er hat das Bewußtsein zum Bett seiner Erstehung, seine erste Gestalt ist der Glaube, als eine Beschaffenheit, ihm folgt die Erkenntnis, deren Krone die Offenbarung ist. Seine letzte Gestalt, die offenbar wird, ist die Liebe, sie ist Anfang und Ende, das heilige >Gut<, sie ist Gott. Wehe einer Welt, die glaubt, die Natur vollende sich in ihrem Wandel bis zu Gott empor. Niemals! Auch unsere nicht. Nicht wir haben die Liebe erwählt, sondern die Liebe hat uns erwählt.

Wer aber fragt, was Liebe sei, der ist wie eine Wasserwoge, die sich dem Feuer zu verbinden trachtet. Kein Strahl aber fragt nach dem Wesen seiner Sonne, denn er ist ihr Wesen.«


Es war sonderbar genug, wie Asjas Leben langsam in mir ein eigenes Leben begann, als hätte ihr Geist in meinem Einkehr gehalten, in einer mystischen Hochzeit. Ihre Worte, schwer, einfach und an Fülle der Offenbarung fruchtbarem Korn vergleichbar, sanken in mein Gemüt, keimten und blühten. Ich verlor bald den Sinn dafür, ob ein Gedanke nach ihren Berührungen aus dem Boden meiner eigenen Seele emporwuchs, oder ob ich ihn von ihr übernommen hatte, ohne eigenes Tun. Auf wunderbare Art verschmolzen mir die Grenzen unsrer Beschaffenheit in ein Lichtgebilde schöpferischer Vereinigung, und ich begriff den Sinn der Gemeinschaft.

Was für die vergänglichen Leiber die Berührungen des Bluts waren, seine Verschmelzung und Auferstehung zu einer neuen Einheit, war das im höheren Sinn die Vereinigung der Seelen durch die Offenbarung, getragen durch die Gedanken, wiedergeboren im Geist? War hier Gottes Wiege, wie dort die Wiege des Menschen war, und waren Gott und Mensch in jenem heiligen Sinn eins, wie es von Christus heißt, der ein Gott genannt wird und des Menschen Sohn?

Im Reich des Geistes aber gab es nicht Mann noch Weib, ich begriff mit Erschauern den einfachen Sinn dieser einst so dunklen Worte vom Reich, von der Ewigkeit, von jener unendlichen Harmonie, die die Heiligen der Welt ersehnten und erschauten, die ewig ist, da sie stets gegenwärtig zu sein vermag. Ich begriff Asjas hellsichtige Auffassung des Worts, daß tausend Jahre wie ein Tag sind, nicht in der Dauer, sondern im Wesen.

So gingen die Monate des Winters herum, Tag nach Tag, nicht gemessen an Daten und Stunden, nicht an Wachen und Schlafen, sondern an den Schritten in die Regionen einer innerlichen Lebenszuversicht. Ich befand mich in jenen Zeiten außerhalb aller Bedrängnisse, die durch unsere Befangenheit und Abhängigkeit von der Erscheinungs- und Tatsachenwelt entstehen, und lebte. Meine Freiheit und Heiterkeit war zumeist unaussprechlich, die Erde schien klein und wie eine Gelegenheit von vielen, wie eine Station der großen Wanderung, ohne Last und Finsternis. Ich kannte keine Sorgen und glaubte mit einer flammenden Inbrunst, ohne sagen zu können, an wen oder an was, ich glaubte an das Licht in mir, und an meine Liebe.

So kam es, daß ich Asja seltener fragte und mir an ihrem Dasein genug sein ließ, vielleicht kam es auch deshalb, weil sie einmal eine Frage mit Zorn von sich gewiesen hatte, ich vergesse ihr Wort nicht, es ist wahr gewesen: