Diese Frage wirkte nicht ungewöhnlich, denn eine Mutter setzt immer voraus, daß die Welt von ihrem Kummer um ihr Kind erfüllt ist, so antwortete sie einfach:
»Wenn Asja nur ein einziges Mal eine Klage aussprechen wollte, wäre mir wohler. Ich habe immer gedacht, diese Krankheit bliebe den Leidenden verborgen, aber sie weiß sie und spricht ohne Kummer von ihrem Tod.«
»Vielleicht ist dies eine Erleichterung«, antwortete ich.
»Es ist doch mein Kind«, sagte sie und sah mich an.
Darauf vermochte ich keine Antwort zu geben und sah zu Asja hinüber. Die Ruhe ihres Gesichts erfüllte das Zimmer. Die Lider über den Augen waren das hellste der bleichen Landschaft dieses Angesichts aus Menschenarmut, Schlaf und Ferne. Neben dem Bett stand auf einem kleinen Tischchen eine Tasse, eine Kerze und ein Krug. Ein Buch in rotem Einband, aus dem ein paar lose Blätter Papier hervorschauten, lag zwischen einer Blumenvase und einem Stück Brot.
»Liest Asja viel?« fragte ich.
Die Mutter nickte. »Ich gehe um Bücher, aber die Leute leihen sie ungern. Wenn Sie Bücher hätten ...«
»Ich kann bringen,« antwortete ich, »heute noch.«
Die Mutter lächelte.
»Das wäre wirklich schön, Asja wird mit Ihnen darüber sprechen, was in den Büchern zu lesen steht. Wenn man Tag für Tag und Nacht für Nacht auf einem Fleck daniederliegt, wird man dankbar und ist mit weniger zufrieden, als die Menschen wissen, die alles haben, und gehen und leben, wie sie wollen. Wenn die Toten noch Empfindungen hätten, so wären sie sicher dankbar für jeden Wassertropfen, der durch ihre Sargwand sickert. Ich hätte gewiß noch Kraft, vieles zu tun, was dem Kind Hilfe brächte, aber es gibt keine mehr für uns, und das Warten, ohne etwas bewirken zu können, macht mutlos, weil keine Hoffnung mehr da ist ... Oft überwältigt mich dies Leben jetzt und ich meine, es nicht mehr ertragen zu können.«