Das erste Fischerhaus, das ich erreichte, war eine kleine mit Stroh gedeckte Kate, die, zwischen Kartoffeläckern, hinter den Deich geduckt, mit ihren Fenstern, wie mit Augen, eben noch auf die Meerweite hinaussah. Ein Vorgärtchen, dicht gedrängt voller Buschnelken, Phlox und Malven, ein Holzstall und weiter abseits im Land ein Ziehbrunnen machten den sichtbaren Bestand des kleinen bäuerlichen Anwesens aus. In langen durchsichtigen Bahnen, braun wie Erde, hingen die Netze, dicht am Strand, zwischen alten geteerten Pfählen ausgespannt, und zwei Boote lagen im Sand. Ein Geruch von Seetang und verdunstendem Meerwasser hauchte mir warm entgegen und meine frohen Kindertage kamen, wie Engel, zu mir und ermutigten mich.
Es schien niemand anwesend zu sein. Am Hauseingang war eine Ziege angebunden, die still vor sich hinsah und auf das Meerrauschen zu achten schien. Als ich mich ihr näherte, sah sie mich an und begann eifrig zu wedeln. Da ich nicht gewußt hatte, daß Ziegen diese Gewohnheit an den Tag legen, blieb ich stehen und beschäftigte mich eine Weile mit ihr. Es schien mir jedoch bald, als ob dieses eigenartige Wedeln keinesfalls in einer Beziehung zu ihrem Seelenleben stand, denn es unterblieb und erneuerte sich ruckweise und willkürlich und ging auch dann vor sich, wenn mein Verhalten und meine Einwirkung auf das Tier unterblieben, oder jedenfalls derart waren, daß sie keine Zustimmung herausforderten.
Dagegen ließen sich deutlich Wahrzeichen von Wachsamkeit feststellen, denn als ich den Nacken der Ziege zu streicheln versuchte, senkte sie mit einer sonderbar störrischen Gelassenheit den Kopf und ging mit ihren Hörnern gegen mich vor. Das Seil verhinderte die Ausführung ihres Vorhabens, jedoch beschloß ich vorsichtiger zu sein und den Abstand zu wahren, auf den sie Gewicht zu legen schien.
Nach einer Weile trat ein alter Mann unter der niedrigen Tür hervor und musterte mich mit listigen Augen, wobei sein Gesicht einen Ausdruck zeigte, als lache er mich heimlich aus. Sein Gesicht war von einem Bart eingerahmt, der wie ein gelblich-weißer, gleichmäßiger Halbkreis von Ohr zu Ohr um das Kinn herumlief, er trug zwei Transtiefel, groß wie Gießkannen, und die kurze Pfeife in seinem Mundwinkel machte in ihrem Verhältnis zu seinem Mund den Eindruck auf mich, als nährte er sich von ihr. Da sie nicht zu brennen schien, bot ich ihm Feuer an, mußte aber zurücktreten, als er mir gemächlich eine Rauchwolke ins Gesicht blies. Er fragte mich auf niederdeutsch, was mein Begehr sei, und da ich seine Sprache nicht nur verstand, sondern mich ihrer auch zu bedienen wußte, glaubte ich daran, daß ich mit ihm übereinkommen und ein Obdach in seinem Hause finden würde. Aber merkwürdigerweise verstand er mich nicht. Ob ich ein Franzose sei.
»Ein Franzose? Nein«, sagte ich auf hochdeutsch.
»Na, sieh an, es geht ja,« meinte er ermutigend in seinem Kauderwelsch, »warum sprichst du nicht gleich vernünftig?«
»Ich habe plattdeutsch gesprochen.«
Seine winzigen Augen wurden so groß wie Taler.
»Also das adelige alte Fräulein vom Wasserschloß schickt Sie zu mir?« fragte er.