Da sah sie in meine Augen und erbebte fröstelnd in einem tierhaften Blick von Prüfung und Gunst.

»Wir gehen baden, komm«, sagte sie rasch und ihre Neigung des Kopfs, der zaghafte Schritt voran und ihre Hand in meiner taten einen Himmel von wilder Freiheit auf. Der Sand und Wogenschlag empfingen uns, warmer Wind und ein Licht, das uns taumelnd machte und in eine herbe Verzücktheit von Lust und Unschuld hob.

Ihre Kleider wehten von den Hüften wie buntes Licht, sie lagen bald hier und dort im Sand umher, bei meinen groben Stiefeln, die einst der Schuster Stevenhagen geflickt hatte.

Wie gut macht Nacktheit, sie heilt und reinigt, in jener herben Kraft der leichten Enttäuschung, die sie nach den schwülen und süßen Ahnungen des Begehrens mit sich bringt. Kaja atmete hoch und mächtig, als sie langsam ins Wasser schritt, denn die Flut war noch kalt. Erregt und unbedachten, unsicheren Schritts vermochte sie nichts zu beachten, das ihre Dargebotenheit milderte, sie lachte nicht und ihr besonnener Ernst im Genuß aller Sinnesgaben wirkte auch hier wie ein mit Vorbedacht gesteigerter Wille zur Herrschaft. Sie wandte sich halb um und rief mir etwas zu, das die Brandung verschlang. In der ungeheuerlichen Linie der Meerbucht, im Sonnenall der blau-weißen See- und Strandweite war nur sie zu sehen, als wäre sie unter dem Himmel allein.

Die salzige Flut trug uns weit hinaus, die leise Beklemmung, die das Meer mit sich bringt, sein herber Duft, die Wasserschwere, der Glanz der grünlichen Wogenberge verwandelten uns zu neuen Geschöpfen einer freieren Schickung. Vergehen und Vergessen zogen in unsere Seelen, wie Wiedergeborene schwebten wir in gelinder Kampfesmühe über der unsichtbaren Tiefe, im Spiel erlöst, in weitausholenden Regungen der Glieder befriedigt, berührt und kühl geborgen, wie kein anderes Element aufzunehmen vermag.

Der heiße Sand empfing unsere durchkühlten Körper, Kaja saß aufrecht und sah in die Weite. Ihr frauenhaftes Mädchenhaupt mit der gehaltenen und klargeschiedenen Haarfülle, die tief in den Nacken sank, ohne sich gelockert zu haben, hob sich gegen den ehern schillernden Himmel ab, in frommer Majestät. Die liebliche Vollendung der Natur in diesem herrlichen Gebilde erschütterte mich tief und die Unnahbarkeit dieser Pracht und Fülle nahm mich in einen Bann von Ehrfurcht. Daß ich gewagt habe, auch nur zu dir zu beten, erschreckt mich schon, dachte ich, und nun — ist es denn Wahrheit? — würdest du mir zürnen, wenn ich nicht mit aller Macht meiner Seele und meines Leibes der rauhe Diener deines Wunsches würde? Laß mich die Augen schließen, bis mein Glück stärker als meine andächtige Besinnung wird, ich kann nicht schuldig werden durch Willkür und Tun, die Allmacht der aufschreckenden heißen Pflicht muß zu mir kommen und mich erwählen. Ich will dein Weg sein, du Schmerz und Glut, aber niemandes Herr. Aus meiner Andacht soll deine Fackel brechen, stärker als sie.

»Ich mag oft nicht haben, wenn du schweigst,« sagte Kaja plötzlich und lächelte fragend, »dann ist mir, als sammelte sich in dir dunkles Feuer, und ich fürchte mich. Leg deine Hand auf meine Brust, oft möchte ich deine Schwester sein, aber es ist ja Torheit, ich bin keines Menschen Schwester. — Wenn du mich berührst, wirst du ruhiger, ich fühle es ... Wie nennst du mich? Ach, sag nicht solche Namen und Worte, ich weiß, daß du gut von mir denkst, viel zu gut, und als sähest du mich durch lauter Zauberspiegel. Ich bin ja so einfach. Ein Wort genügte, aber das gibt es nicht unter den menschlichen Worten. Nach diesem Wort sucht ihr Männer alle, euer Suchen ist so schön. Ich kenne das Wort auch nicht, aber seinen Sinn. Ich habe und weiß und behalte ihn heute. Ich bin da, und ihr sagt es mit tausend Worten. Klug, sagst du, sei ich? Ja, vielleicht bin ich klug, da ich nichts sein möchte, als das, was ich bin. Du bist jung, viel jünger als du weißt, viel jünger als ich, obgleich du mich ein Kind nennst. Ich höre dies und alles, als hätte ich es schon tausend Jahre lang gehört!«

»Du fährst auf einem Nachen in der Sonne, Kaja, das Wasser glitzert und trägt dein leichtes Boot. >Das Licht spiegelt sich in den Wellen und in meinen Augen!< rufst du, aber auch tief, tief in den Grund sinkt Licht.«

»Oft lockt die Tiefe«, sagte sie ernst.

»Du weißt nichts von ihr, Kaja.«