Nun zog mit lautlosem Schaukeln, fröhlich von seinem reinen Flügelkleid getragen, ein Schmetterling an ihr vorüber, mitten zwischen ihrem aufgetanen Kelch und der goldenen Sonne hindurch. Da rief die Blume, ihr Farbenglanz trug ihre Stimme, und ihr Duft begleitete ihn:
»Tu mir Liebe an und komm!«
Der Schmetterling ließ sich mitten in dem blauen Rund ihrer Blüte nieder, o Wunder, daß er sie verstand. Tausend Bächlein von Sonnenwärme und zitternder Himmelsluft rieselten mit seiner Berührung an ihr nieder, sie neigte sich tief unter der hellen, lebendigen Last und hob sie wieder mit sich empor.
»Bleib noch,« bat sie, »du himmlischer Sendbote, du Freund meines Lebens.« Aber der Falter mußte weiter, und nun vernahm die Blume plötzlich das Bitten, Rufen und Locken um sich her, von dem die ganze Wiese in Farben und Düften erklang. Je mehr Insekten nun zu ihr kamen, um so besser verstand sie ihre Schwestern umher und in der Ferne, sie begriff, daß sie ihr Lebensgrüße sandten und gab sie freien Sinnes zurück, immer die strahlende Blüte gegen die Sonne geöffnet, als sei keine Schuld und kein Fehl möglich, wenn sie sich ganz dem Licht anvertraute.
So ging ihr erster Tag im Blühen dahin, sie durchlebte ihn wie alle Glücklichen, ohne Bedenken und Rückhalt, ohne den Gedanken an sein Ende, in ihrer schönen Pracht. Als die Sonne, mit der ihr Angesicht gewandert war, hinter den Baumkronen im Grünen niedersank, begann sie sich langsam zu schließen, aber solange noch ein Strahlenabglanz des Lichts auf der Erde widerschimmerte, wachte sie und ließ ihn zu sich ein. Als aber der Abendwind von den Saaten zu ihr kam, fand er sie stumm und verschlossen im Dunkeln, als habe ihre Seele sich nie geöffnet. Aber sie konnte auch im Schlaf die Sonne nicht vergessen, die ihr ganzes Wesen durch und durch erhellt hatte. Keine Finsternis kann mich mehr vom Licht trennen, träumte sie, ich habe es mit meinem ganzen Wesen eingesogen, ich habe das Glück der anderen und ihre Seligkeit erfahren an mir, nichts wird meine Seele mehr vom ewig schönen Leben scheiden.
Neuntes Kapitel
Die Lerche
Eine Lerche verflog sich auf die Waldwiese, es war noch sehr früh, aber Onna, die Bachstelze, war schon auf und sah die Lerche fallen.
»Wie ist es?« sagte sie zu ihr, »wollen Sie hier bleiben, ich meine, wollen Sie immer hier bleiben, wollen Sie sich hier auf unserer Wiese niederlassen, oder wie ist es?«
»Guten Morgen«, sagte die Lerche.
Onna erwiderte den Gruß und nickte auf ihre wirklich entzückende Art, wie nur Bachstelzen es können. Ihre Bewegungen waren viel anmutiger als ihre Worte. Dann meinte sie, um nichts freundlicher: