»Es ist hier wenig Aussicht zu gedeihlicher Ansiedelung, man findet wohl was man braucht, aber nicht viel mehr. Im trockenen Schilf wohnt Josa, die Ringelnatter, von der Eule in der Linde schweige ich, Sonne kommt auch nicht eben viel her; also nun sagen Sie, was Sie wollen.«
»Ich will wieder fort«, sagte die Lerche. »Entschuldigen Sie, daß ich gestört habe, aber ich war sehr hoch am Himmel, und das Licht der Sonne hat meine Augen geblendet. Ich war so entzückt vom Glanz und der Kühle, daß ich nicht mehr recht wußte, wo ich mich niederließ, es war wie ein heller, seliger Taumel, wissen Sie.«
»Taumel ...?« wiederholte die Bachstelze und wippte, »und was reden Sie da nur sonst noch, die Sonne ist ja noch gar nicht aufgegangen?«
»Doch,« sagte die Lerche, »hoch oben schien sie schon.«
»Aber Liebe! Wozu diese Übertreibung? Wir sind hier unten einfache und ehrliche Leute und haben nicht viel für Fremde übrig, die aufschneiden. Schauen Sie doch hinauf in den Wipfel unserer Linde, Sie werden sich rasch davon überzeugt haben, daß die Sonne noch nicht aufgegangen ist. Schön sind Sie übrigens auch nicht gerade.«
»Nein,« sagte die Lerche, »ich bin nicht schön.«
»Nun, wenigstens darin sind Sie ehrlich, aber das mit der Sonne hat mir nicht gefallen. Ich habe einmal ein Falkenpaar belauscht, das in der Linde Rast hielt, und da hörte ich, daß die Falken höher fliegen, als die Kugel des Jägers reicht, ja, daß sie sich so hoch emporschwingen können, daß sie, die doch große Vögel sind, wie kleine Punkte am Himmel erscheinen.«
Die Lerche nickte. »O ja,« sagte sie nachdenklich, »die Falken fliegen sehr hoch.«
»Ja, nun, und – –? Wollen Sie etwa sagen, daß Sie höher fliegen können als die Falken?«
Die Lerche schwieg, aber die Bachstelze gab sich nicht zufrieden, denn man mußte nach ihrer Meinung sehen, daß man überall Recht behielt, wo es sich irgend einrichten ließ.