»Nun ja,« meinte der Bruder, deutlich ein wenig von Neid geplagt, »etwas Ähnliches mußte wohl eines Tages geschehen, der alte Burr sagte etwas derart, als er einmal von den Mondkonzerten zurückkam. Alle Kaulquappen verlieren ihren Schwanz eines Tages, um Frösche zu werden.« Er sah vor sich nieder und dachte nach.
Ach, es ist schade, daß ich hier nicht vom alten Burr erzählen kann, es würde zu weit führen, aber er ist einer der erfahrensten Frösche des ganzen Bachs, ja man kann sogar ruhig auch des Sees sagen; leider ist er in seinen Gewohnheiten etwas heruntergekommen, aber ungemein witzig und gescheit. Vielleicht, daß ich in einem anderen Buch sein Leben erzählen kann, es ist außerordentlich abwechslungsreich, und er gehört zu den ganz seltenen Fröschen, die einmal in der Gewalt des Storches gewesen und wieder entronnen sind. Es kam, weil der Storch lachen mußte, man weiß nicht worüber – jedenfalls glaubt Burr noch heute, daß jener es nicht gewagt hätte, einen Mann von seiner Erfahrung als Nahrungsmittel zu verwenden. Von ihm stammt auch das Volkslied, das noch viel im Traulenbach und im Eulenteich von den Fröschen gesungen wird:
Ach, wie mir das Herz zergeht
unter großem Weh,
wenn der Mond am Himmel steht
und zugleich im See.
Meine Seele ahnt es dann,
tiefbewegt und still,
daß der Frosch nicht fliegen kann,
auch nicht, wenn er will.
Auch Assap und Jen kannten dieses Lied bereits, wenn sie auch bisher noch keine Erlaubnis gehabt hatten, es öffentlich mitsingen zu dürfen. Aber in diesem Augenblick dachten sie an alles andere eher, besonders Assap wurde immer nachdenklicher, je mehr er sich mit seinem Bruder verglich, der nun ein fertiger Frosch geworden war. Und so plötzlich! Niemand hatte vorher irgend etwas Bestimmtes vermutet.
»Faß an, Jen, Bruder!« rief er plötzlich, »wir reißen ihn aus!«
»Wen denn?« fragte Jen etwas erschrocken.
»Meinen Schwanz, Bruder. Es ist unmöglich, daß er noch besonders fest sitzt, wenn der deine sich ohne besondere Mühe, ja geradezu von selbst entfernt hat, bedenke, wir sind am selben Tag geboren!«
Jen sah es ein. »Wir wollen es versuchen«, sagte er etwas unsicher. Eigentlich wünschte er sich heimlich, es möchte nicht gelingen, denn er wäre gar zu gern eine Weile allein schon ein fertiger Frosch gewesen und hätte seinem Bruder davon erzählt, wie es ist, schon erwachsen zu sein.
Sie mußten einen Augenblick warten, denn es kam eine große Latte den Bach heruntergeschwommen, auf der zwei kleine Waldschnecken saßen, grau und klebrig, wie solche Tiere von Haus aus nun einmal sind, eine blaue Fliege und ein Ohrwurm. Der Ohrwurm war sehr aufgeregt, er lief hin und her und rief irgend etwas, indem er den Arm schwenkte. Die Frösche verstanden nicht alles, es scholl etwa herüber zu ihnen von »verlassener Heimat«, »Wanderfahrt« und »großem Strom«. Endlich hörten sie noch: »Mein selbstgewolltes Erdenschicksal!«