»Was fällt Ihnen ein!?« rief er grimmig empor zu dem Ast, auf dem der Elf sich schaukelte und lachend zu ihm niedersah. »Glauben Sie, ich jage hier zu meinem Vergnügen? Wie kommen Sie dazu, sich in meine Angelegenheiten zu mischen?«
Wie böse er dreinschaute! Sein kluger Kopf mit der schmalen, langen Schnauze und den lebhaften, dunklen Augen sprühte geradezu von Kraft und Haß, die herrliche Farbe zeichnete sich klar vom grünen Untergrund des Schilfs ab, und die prächtigen hohen Ohren waren weit zurückgelegt, was ihm oft passierte, wenn er ärgerlich war. »Kommen Sie nur herunter, Sie weißes Federvieh, ich reiße Sie in Stücke, daß Sie auffliegen wie Pusteballen vom Löwenzahn. So was!«
Da schwang sich der Elf ins Schilf nieder und setzte sich gerade vor die Nase des Fuchses auf einen Halm, dicht vor die blitzenden weißen Zähne, die gefährlich aus den schmalen schwarzen Lippen hervorblitzten.
Der Fuchs prallte zurück. »Sie sind mir zu hell,« sagte er bestürzt, »sonst ... nun, Sie würden etwas erleben!«
Der Elf strich sein Haar zurück. Er hätte nie geglaubt, daß der Fuchs ein so schönes Tier sei. »Sei nicht mehr böse,« sagte er, »ich weiß selbst nicht, wie es über mich gekommen ist, ich habe im Augenblick nur an die Enten gedacht, sie taten mir leid. Natürlich bist du im Recht, auch du willst leben.«
»Allerdings«, sagte der Fuchs befangen. Er starrte den Elfen an, als sähe er Wunder.
»Wer sind Sie?« fragte er, und seine runden Augen unter der gerunzelten Stirn drückten in gleichem Maße Erstaunen wie Bewunderung aus. »Hell wie der Himmel, ein kleiner Mensch und zugleich ein geflügeltes Wesen sind Sie.« Er schüttelte den mächtigen Raubtierkopf, in dessen Rachen der Elf in einem Augenblick hätte verschwinden können. Aber seine Unbefangenheit und seine Schönheit beschwichtigten den Zorn des Fuchses völlig, wie Schönheit und Unbefangenheit in der Welt nun einmal die stärksten Waffen gegen das Böse sind.
»Ich bin ein Elf. Denke dir, ich saß dort im Busch, als die Enten kamen, und hörte ihnen zu. Kannst du verstehen, daß ich Teilnahme für die Tiere fühlte, da ich ihnen doch längere Zeit gelauscht hatte? Es geht einem zuweilen so, und ich hätte sie nun nicht unter meinen Augen sterben sehen können.«
Der Fuchs hörte kaum zu, die Enten waren ihm völlig gleichgültig geworden. Als ob er nicht Enten fangen konnte, sooft er wollte, aber ein Elf saß vor ihm, ein Blumenelf! Er hatte bisher auf das bestimmteste geglaubt, Elfen kämen nur in alten Geschichten vor, in Märchen oder bestenfalls nachts im Mond über den Blumen, dann weiß man nie recht, was Wirklichkeit oder Traum ist, denn in seinem geisterhaften Licht werden alle Dinge geheimnisvoll. Aber nun saß dort in der hellen Sonne, im Grünen, leibhaftig ein Elf vor ihm; es war sicher einer, so viel wußte er auch, was sollte denn dieses zarte Lichtwesen sonst sein, die Geschöpfe des Waldes kannte man doch. Was ihn aber am meisten in Erstaunen setzte, war die Tatsache, daß der Elf nicht im geringsten ihm mißtraute oder ihn fürchtete. Kannte er denn seinen Ruf nicht, alle die bösen Geschichten, die die Waldleute sich über ihn erzählten, über seine Tücke, seine Schlauheit und seine Raubgier? Kein Tier der Wälder war gefürchteter und gehaßter als er, und nun saß dieser kleine Himmelsbote vor ihm, als sei er seinesgleichen. So dachte sich der Fuchs: Es ist schon besser, ich zeige mich gleich so böse, wie ich bin, als ein schlauer Räuber und mächtiger Waldherr, später erfährt der Elf es ja doch, und ich erlebe, was ich so oft erlebt habe, daß er mir weder traut noch glaubt und sich enttäuscht von mir abwendet. Es ging ihm, wie es oft gescholtenen Leuten bisweilen ergehen kann, er hatte die Lust daran verloren, anders als böse zu erscheinen. Und so sagte er denn und knurrte mürrisch:
»Ich bin der Fuchs, Reiner heiße ich, der Wald kennt mich.«