»Die Lerche singt!«
Wie, dachte Uku, es ist spät im Sommer und die Lerche singt? Betört von der Freude an dem hellen Gesang in der Morgendämmerung, aber tief erstaunt, sah sie sich verwirrt um. Es begann sich rings zu regen, die Bewegung war groß umher, und in ratlosem Glück sahen die Geschöpfe einander an. Aber da plötzlich überwältigte die alte Uku eine Erinnerung, sie wollte etwas sagen, brachte aber kein Wort hervor, sondern lehnte sich wie in einem Taumel von Liebesangst und Freude an den Stamm, und aus ihren Augen brachen Tränen, eine nach der anderen, und tropften nieder. Endlich rief sie mit einem Schluchzen in der Stimme:
»Elf! Elfenkind!«
Keine Antwort scholl, es war nach ihrem Ruf so still, daß das Lerchenlied die Welt klar und einsam füllte, wie über ihm der Morgenstern am Firmament, der in verklärtem Blau schwebte. Da stieg in alle Herzen eine holde, erschrockene Ahnung, kaum sah sich einer von allen nach dem Platz des Elfen um, sie wußten, er war fort und frei, und sie lauschten mit zitterndem Gemüt dem lichten Wunder des späten Liedes, in dem die Lerche dem Elfen das Versprechen ihres Danks und ihrer Liebe hielt: »Wenn du einst heimfliegst, will ich singen.«
Achtzehntes Kapitel
Der Abschied
Eine Schwalbe hielt auf ihrer Reise zum Süden noch einmal kurze Rast auf der Linde, und ihre helle Stimme voll Wanderlust erweckte in den Herzen der Waldwiesenleute zitternde Ahnungen von fernem Glück und nahem Abschied.
»Viele von euch Vögeln bleiben zurück und ihr übrigen Geschöpfe alle, lebt wohl!« rief die Schwalbe. »Ich eile nun mit dem unsichtbaren Wind zugleich über tiefe Abgründe dahin, über glühende Berge und über das schimmernde Meer. Ich liebe den Wind, der mich trägt, von ihm weiß ich, daß die Freiheit den höchsten Wipfel der Erde zuerst berührt, wie er. Komme mit, wer kann und will! Wer bleiben muß, leide nicht, oder schlafe wohl in der kühlen Ruhe, ich will euch mein Heimweh nach der Ferne in euren Träumen zurücklassen.
Ich komme auf meiner Reise zu einer Insel im Süden, im Meer, wo wilde Blumen auf den Felshöhen im Wind miteinander spielen. Der Harzgeruch der alten Bäume in den Meertälern füllt die Landschaft wie mit der Mahnung der Unsterblichkeit, und in der Einsamkeit mildert die Weite alles Nahe. Die Sternbilder leuchten in den südlichen Nächten, rufend, glänzend. An den standhaften Felsen braust das Meer Tag und Nacht, oft erscheint mir die Erde dort, als sei sie der Menschen müde, ihr Angesicht ist abgehärmt, ihr Kleid karg. Aber unter der Sonne erheitern sich die Lebensfalten der alten Berge zu einem klugen Lachen.
Sie halten goldene Trauben gegen das blaue Meer, das Baumlaub vergeht zu keiner Jahreszeit, die Bäume grünen, bis sie sterben. Die Fröhlichkeit der Menschen in diesen Ländern ist unbedacht, die Sonne verwandelt ihren Ernst in den Schlaf, ihre Trauer in Wehmut, und der unvermerkt herannahende Tod scheint allen ohne Bitterkeit. Ja, das Sterben ist leichter dort, denn die kleinen Gedanken und unnützen Hoffnungen halten der Sonne, dem Meer nicht stand. Es zieht mich mit tausend Mächten in die milde, blaue Ruhe des Südens; lebt wohl, ich komme wieder.«
Die Schwalbe flog mit einem hellen Triller auf, warf sich in den Wind, den sie zu umfangen schien und der sie trug, zugleich hingegeben und kraftvoll, seinem Wesen verwandt, geborgen und hoch.