»Ach, wer so fliegen könnte«, meinte ein Rotschwänzchen, und es war sicher nicht der einzige Vogel der Wiese, der das gleiche Verlangen im Sinn trug wie die Schwalbe. Ihre Worte ließen eine erwartungsvolle Unruhe in den Sinnen der Waldvögel zurück. Lichteten die Bäume sich schon?

»Wir werden auf den Storch warten, meine Liebe, er wird uns tragen und mitnehmen«, sagte die Grasmücke und schüttelte ihre Federn ein wenig auf, so daß sie viel dicker und ganz zerzaust aussah. Es wurde auch wirklich schon recht kühl, besonders an diesen sonnenlosen Tagen, wie sie nun oft in unfaßbarer Stille, mit einem leichten Nebelkleid in der Frühe, dahinzogen. Dann wieder wurde in der Sonne die Luft so klar, daß man die Stimmen der Landleute auf den Feldern weithin vernahm, als höbe die Reinheit die Entfernung auf, und nachts kamen die Sterne der Erde näher.

Die zarten Kelche der Herbstzeitlose erschienen im Gras und am Buschrain, als habe ein verspäteter Frühlingsengel sie über Nacht verstreut, ihre blassen Farben waren voller Wehmut und sie blühten nicht lange. Um die wärmeren Mittagsstunden kamen wohl zuweilen noch Käfer und Bienen geflogen, ihr vereinzeltes Summen klang deutlich und sorgenvoll, aber es rief sie niemand mehr.

Von Tag zu Tag wurde es stiller, die Mäuse schlossen ihre Wohnungen bereits, Uku hatte alles für ihren Winterschlaf vorbereitet, und auch Li, das Eichhorn, sammelte eifrig für den Winter, denn wenn spät noch ein schöner Sonnentag kam, so konnte es auch in der kalten Zeit einen Spaziergang durch die Föhrenkronen nicht entbehren, und es wußte, daß solch eine Ausfahrt in die Frische ganz ungewöhnlichen Appetit mit sich brachte. Alle kleineren Tiere suchten, eines nach dem andern, die warme Erde in Schlupfwinkeln und Höhlen auf, Verstecke in Baumlöchern oder tief unter welkem Laub, und es wurde langsam leer und immer stiller.

Die Sträucher empfingen am Waldrand den Wind am Abend, und sie begrüßten ihn mit ihrem Lied:

Du gehst wie das Licht, wie der Blick
über schwindelnde Abgründe hin,
du, unser lebendiges Glück,
unserer Stimmen seliger Sinn.

Unsere Tränen sind unsere Speise,
wenn du, auf den Schwingen die Nacht,
unsichtbar, himmlisch, leise
die Dunkelheit zu uns gebracht.

Aus der klaren Freiheit des Herbstes tauchte farbig umkränzt die Wirklichkeit des Sterbens auf, und den Sinnen der Scheidenden wurde weh und wohl. Mit ihrem Lebensschmuck sank ihre Erinnerung an das Kleine, Vergängliche ihres Daseins an ihnen nieder, sie gaben der Erde zurück, was sie von ihr empfangen hatten, und der himmlische Wind drang ungehindert in ihre Seelen.