Der nächste der Wartenden war ein alter Mann, der in der mageren Hand einen grünen Beutel aus einem großen Blatt emporreckte, das er oben zuhielt. Es befanden sich weiße Ameisen darin, von denen mein ganzes Haus wimmelte, und er war mit der Hoffnung herzugetreten, seine Tiere einzeln honoriert zu bekommen. Ich wies ihn ab, da legte er sich aufs Bitten und begann die Schicksale seiner Familie zu erzählen, der es in der Tat nicht gut gegangen zu sein schien; so gab ich zwei Anna, und er entfernte sich mit einem mißgünstigen Blick auf meine Münzen, nachdem er mir zwei Ameisen auszuhändigen versucht hatte.
Ich kann nicht alles aufzählen, was mir an diesem Morgen an Gewürm, Fliegen, Ungeziefer und Kerbtieren zugetragen worden ist, es gelang mir, Indiens Reichtum an diesen Geschöpfen zu ermessen. Eine alte Frau brachte ein Kücken, das von Ratten zur Hälfte aufgefressen worden war und keine Federn mehr hatte. Sie hoffte, daß ich es meiner Sammlung einverleiben würde, weil sie keine rechte Vorstellung von meinen Interessen hatte. Ein Mädchen, blühend wie der sonnige Morgen, in welchem sie schüchtern vor mir stand, hatte einen wahrhaft schönen Schmetterling von der Größe eines Singvogels, orangegelb, mit zartestem Lila an den Rändern, aber er war zwischen ihren Fingern zerdrückt, wie ein Trambahnbillett in einem Handschuh. Ich betrachtete das Kind und den unschuldigen Glanz seiner großen Augen, die mir erschienen wie dunkler Samt in braune Seide gebettet. Jahrtausendalte Träume brachen aus ihnen hervor, ruhig und traurig, Mohn und Schlaf. Mich überkam ein jäher Wandel meines Empfindens und eine Traurigkeit; plötzlich ward ich mir der ganzen Nichtigkeit meines Vorhabens in beschämender Klarheit bewußt. Wie hatte ich dem Irrtum verfallen können, zu glauben, daß wir den Herrlichkeiten der Natur dadurch auch nur um ein Geringes näher kommen, daß wir ihre Erzeugnisse unter Glas und in Kästen bergen. Ich empfand mich plötzlich als vielfacher Mörder, und vor mir harrte das Heer der blutigen Krieger ihres Lohns. Da gab ich dem Kinde den Rest des Geldes, das Pascha mir gebracht hatte, und stand auf, um verkünden zu lassen, daß meine Ansprüche befriedigt seien, und daß ich keiner weiteren Insekten mehr bedürfte.
Drittes Kapitel
Die Nacht mit Huc, dem Affen
Eines Morgens stand auf der Veranda meines Hauses in Cannanore ein brauner Hinduknabe, der einen Affen auf der Schulter trug. Wie lange er schon dort gestanden hatte, wußte ich nicht, weil die Eingeborenen bescheiden zu warten pflegen, bis es dem fremden Herrn gefällt, sie anzureden. Auch wenn sie annehmen, längst gesehen worden zu sein, harren sie geduldig fort, oft stundenlang, ob es nun auch gefällt, sie zu beachten. Dieser Umstand hat mir in der ersten Zeit meines indischen Aufenthalts oft einen nicht gelinden Schreck eingebracht, denn auch wenn ein Diener des Hauses ein Zimmer betritt, wartet er still in der Nähe des Herrn, bis er angeredet wird. Es geschah mir in Bitschapur, wo ich zu Anfang meiner Reise inmitten alter zerfallener Königsschlösser mein Lager aufgeschlagen hatte, daß ich nächtlicherweile plötzlich am Schreibtisch den Eindruck gewann, es stünde jemand hinter mir. Solche Befürchtung ist in der Verlassenheit tiefer Nacht um vieles beängstigender, als die Gewißheit eines jähen, unerwarteten Zusammentreffens. Ich weiß noch heute genau, daß ich lange nicht wagte, mich umzuschauen, und als ich es endlich langsam, Zoll um Zoll, tat und plötzlich den Umriß einer braunen Gestalt, dunkel in dunkel, hinter mir gewahrte, emporfuhr, als sei es der Böse selber, der mich heimsuchte. Der Bote hatte, in der festen Annahme, daß ich längst von seiner Gegenwart Notiz genommen hatte, bescheiden und geduldig auf meine Anrede gewartet. Da die Hindus den Tritt nackter Füße, selbst auf einer Kokosmatte, deutlich hören, begreifen sie nicht ohne Schulung, daß unser Ohr an deutlichere Beweise einer Annäherung gewöhnt ist. Glücklicherweise erschrak damals der nächtliche Ankömmling so heftig über meinen Schreck, daß mich ein Lachen befreite und aus meinem Entsetzen riß.
Eine große Zahl Berichterstatter aus dem heutigen Indien behaupten in Büchern und Journalen immer wieder, dies Land sei aller Geheimnisse und Wunder und aller Mystik längst entkleidet. Wahrscheinlich kennen sie von Indien nur die neumodischen Hotels. Ich habe den poetischen Glanz der Veden und den Geist Kalidasas überall gefunden und erst im Lande selbst recht würdigen und fassen gelernt, und der bedauernden Ernüchterung der modernen Propheten habe ich nur den Kummer entgegenzuhalten, daß meine Kräfte nicht ausreichen, von den mystischen Herrlichkeiten und dem geheimnisvollen Zauber aller Erscheinungen ein rechtes Bild zu geben. Wer allerdings die Wunder Indiens in der Kunst der Taschenspieler sucht und enttäuscht ist, wenn ihm keine Gelegenheit geboten ist, auf einem frei hängenden Seil emporklettern zu können, wird seine Erwartungen nicht erfüllt sehen, aber er wird nicht nur in Indien, sondern überall in der Welt enttäuscht sein, wo er glaubt, etwas Rechtes erleben zu können, ohne etwas Rechtes zu sein. Denn das Mystische ist weder das Dunkle und Unklare, noch das phantastisch Bedrohliche unverständlicher oder geheimnisvoller Vorgänge, sondern es umschließt, seiner tieferen Bedeutung nach, viel eher die Gewißheit ewiger Wahrheiten in ihrem Fortwirken jenseits unserer Erkenntnis.
Jener Knabe nun, den ich vor meinem Hause fand, bot mir seinen Affen zum Kauf an, ich erfuhr durch Panja sein Anerbieten und den nützlichen Zweck, der sich für jeden Garteninhaber mit dem Besitz eines Affen verbinde. „Er holt die Kokosnüsse aus den Palmen“, erklärte mir Panja. Das kleine, graubraune Tierchen, das etwa die Größe eines Foxterriers hatte, sah mich von seinem erhöhten Sitz ruhig aus seinen alten Zügen an. Es war an einer Kette befestigt, deren Ende einen Ring um seine hageren Lenden bildete. Der Knabe erklärte sich bereit, seinen Affen vorzuführen, und in der Tat zeigte sich das Tier außerordentlich gut unterrichtet. Kaum war er von seiner Fessel befreit worden, als er mit großer Geschwindigkeit eine Palme erstieg, eine große Nuß abdrehte und sich geduldig wieder festlegen ließ, nachdem die Nuß gefallen war, und er, um vieles langsamer, wieder niederkletterte. Panja verhandelte mit dem Knaben wegen des Kaufpreises, und während ich, ohne zu verstehen, die beiden beobachtete, gewahrte ich, daß eine sichtbare Besorgnis das Gesicht des Hinduknaben betrübte. Er schien begierig und traurig zugleich. „Er will seinen Affen nur vermieten,“ erklärte Panja, „das kommt daher, daß er ein Dummkopf ist.“
Mir schienen die Dinge anders zu liegen; ich bemerkte deutlich, daß der Knabe heißes Verlangen nach der Kaufsumme trug, die er zu erzielen hoffte, daß er sich aber schwer für alle Zeit von seinem Affen zu trennen vermochte.
„Biete ihm fünf Rupien als Kaufsumme“, sagte ich.
Panja bot eine. Der Knabe zitterte heftig, denn schon diese kleine Summe, die nach unserem Geld noch nicht zwei Mark ausmacht, bedeutete ihm einen großen Schatz. Da die Ergriffenheit des Kindes mich deshalb fesselte, weil ich deutlich zu fühlen glaubte, daß nicht einzig seine Geldgier ihn bewegte, gab ich Panja ein nicht mißzuverstehendes Zeichen, daß ich vorübergehend Gehorsam von ihm forderte. Er wußte, daß ich genug kanaresisch verstand, um ihn kontrollieren zu können, und sank in eine Haltung gottergebener Verzweiflung zusammen, die er stets einnahm, wenn ich meinem Untergang entgegenging, ohne seine Hilfsbereitschaft zu beachten. „Weshalb willst du den Affen nicht verkaufen?“ ließ ich fragen.