Ich schickte Guru hinüber, die Gesichter tauchten unter, aber dann begann ein immer lebhafteres Geschnatter im Dunkeln, endlich wurde Feuer gemacht, und die Ruder polterten im Kanu. Ich hätte gern mit den Leuten gesprochen, aber sie waren zu furchtsam, brachten uns jedoch alles, was wir wollten. Die Bewohner dieser Landstriche, wie auch die der östlichen Berge entstammen der Urbevölkerung und haben sich mit den eingewanderten indogermanischen Stämmen kaum vermischt. Ihre Hautfarbe ist fast ganz schwarz, und ihre Gesichtszüge ähneln eher denen der Neger, als denen der Brahminen. Sie stehen auf einem außerordentlich niedrigen Stande der Zivilisation, sind aber arglos und sehr friedsam. Ihre Religion ist anscheinend in den primitivsten heidnischen Vorstellungen geblieben, sie beten hölzerne Götzen an, und nur hier und da ist ein schwacher Lichtschein des Brahman oder der buddhistischen Lehre in ihre Geisteswelt gedrungen. Irgendeine der vielen Inkarnationen Brahmas lebt hin und wieder in ihrer Vorstellung in entstellter Gestalt fort, ohne daß ihr Sinn lebendig geworden ist.

Der Dschungel ernährt sie freigebig in guten Zeiten, sie tragen Pfeffer in die kleinen malabarischen Häfen, wo die eingeborenen Gewürzhändler ihn ihnen für sehr geringes Entgelt abnehmen. Ihre Nahrung besteht aus Früchten, einige fischen sogar, andere sollen auch Fleischkost zu sich nehmen, ich habe es aber nie gesehen. Auf den flachgeklopften Lehmplätzchen, vor ihren Laubhütten, breiten sie die Pfefferbeeren zum Trocknen in der Sonne aus, und man erblickt dort in wohlgeordneten Rechtecken den Pfeffer in allen Farbennuancen seines Dörrens am Boden ausgebreitet, vom saftigen Grün bis zum tiefsten Schwarz. Ihre Hauptbesitztümer sind Kinder. Ich habe niemals so viele kleine Kinder gesehen wie in diesen Dörfern, wie Orgelpfeifen standen die schwarzen Reihen vor den Hütten, mit kleinen Kugelbäuchlein und Rotznasen, und glotzten uns an, wenn wir vorüberkamen.

Dieser Abend und diese Nacht sind mir unvergeßlich geblieben, weil unter meinen Augen ein bebendes Lebenslichtlein in der Dschungelnacht erlosch. Ich hatte keine Vorstellung, wie weit die Zeit vorgeschritten war, ein lauter Ruf weckte mich. Panja fuhr neben mir empor und stieß in der Schlaftrunkenheit gegen meine Hängematte, so daß ich fast herausgefallen wäre und im ersten Augenblick in ihm einen Feind vermutete. Das Feuer war fast erloschen. Panja war mit einem Satz an der glühenden Asche, und ich begreife heute noch nicht, wie rasch es ihm gelungen ist, eine Flamme emporzuschüren. Der klagende Ruf wiederholte sich laut und nahe beim Feuer in der dichten Finsternis, die nun so schwarz wie Kohle war, nur die beschienenen Bäume, dicht am Feuer, glommen phantastisch und unwirklich, wie Ungeheuer, die mit verschlungenen Gliedmaßen, unter verworrenen Laubkränzen, in ein rotstrahlendes Gemach drängen. Pascha rief etwas vom zweiten Feuer her, das Guru eifrig schürte. „Was sagt er?“ fragte ich Panja.

„Eine Frau schreit aus Angst vor dem Tod“, sagte Panja, der noch nicht verstanden hatte, um was es sich handelte.

Ich trat aus dem Zelt heraus und erkannte nun im Dickicht schwelende Fackeln und die dunklen Gestalten der Wilden. Das Geschrei einer Frauenstimme zerriß mein Herz. Ich habe selten wieder etwas so Durchdringendes an Schmerz und Verzweiflung gehört. Ein tierischer Wehelaut, der doch die erbarmungswürdige Erniedrigung der Menschenseele enthielt, fiel mich wie ein nächtliches Gespenst an, und ich mußte mich wieder und wieder aufraffen, um nicht in tatlosem Erstarren zu lauschen und um nicht meinem Entsetzen zu erliegen.

„Feuer!“ brüllte ich, „Licht!“

Eine Wolke gelben Qualms hüllte uns ein, dann flackerte eine hohe, rote Säule daraus empor. Guru schrie: „Es ist die Mutter!“

Endlich brachte Panja Ordnung in einen scheu herandrängenden Haufen halbnackter Gestalten, die ein dunkles Etwas auf einer Bahre aus Zweigen heranstießen. Eine Frau, der das schwarze Haar wild um das Gesicht hing, und deren Arme durch die Luft irrten, schrie mir etwas zu. Sie wagte sich trotz der großen Erregtheit, die das Ereignis mit sich brachte, das sie zu mir geführt hatte, nicht in meine unmittelbare Nähe, aber ich sah nun, daß ihr Gesicht von Angst und Hoffnung entstellt war.

Auf den Zweigen lag ein Kind von vielleicht zwölf oder dreizehn Jahren, ein Mädchen, dürftig mit einem bunten Kattunfetzen bedeckt, unter dem sich der kleine, dunkle Körper wand, und ich hörte einen matten zischenden Klagelaut, ein ersticktes Gurgeln, aus dem Knäuel hervordringen.

Guru stöhnte bedauernd und hob sich auf die Zehen als fröre er.