Einmal hatten wir das Herabsinken der Sonne trotz Panjas Vorsicht verpaßt, und die Finsternis überraschte uns am sumpfigen Ufer eines Flusses. Guru schnupperte in die feuchte Nachtluft hinaus und spähte vom Ufer aus zu den gegenüberliegenden Palmenhainen hinüber, und richtig sahen wir nach einer Weile ein schwaches Lichtlein aufblinken. Als das Zelt aufgeschlagen worden war und die Feuer brannten, hörten wir, wie das Flußwasser von Ruderschlägen plätscherte, oberhalb unseres Zeltes verklang das Geräusch, und das Dickicht raschelte, aber dann blieb alles still.
„Jetzt haben die Mangroven Augen bekommen,“ sagte Panja, „aber es muß ein leichtsinniges Volk sein, denn sie fürchten den Panther nicht.“
Auf Elias war in dieser Beziehung kein rechter Verlaß, denn seine Gesinnungsart hinderte ihn daran, friedlich sich nähernde Nachtwandler durch Gebell zu ängstigen. Hörten wir den Panther in der Nähe des Lagers husten, so pflegte Elias sich in den Hintergrund des Zeltes zurückzuziehen, nicht etwa, weil er Furcht hatte, sondern weil es ihm dort besser gefiel.
Am Tage hatte ich eine Häherdrossel geschossen, ich rupfte ihr das braune Gefieder aus, und das zierliche Köpfchen mit den hellblauen Augenringen schlenkerte mit geöffnetem Schnabel über meinem Knie. Gurus Augen fehlten nur noch diese hellfarbigen Ringe, um ebenso starr und leblos dreinzuschauen wie meine Jagdbeute. Er begriff nicht, daß ich Vögel verspeiste, in denen wahrscheinlich die Seele eines Abgeschiedenen mitverschlungen wurde. Panja war in dieser Beziehung seiner heimatlichen Weltbetrachtung längst entrückt. In den Kupferkesseln siedete das Wasser, und eine Unmenge beschwingten Nachtvolks sammelte sich im Feuerschein, umschwärmte die Flammen wie farbige Funken, oder glotzte von den Blättern aus in dies unfaßbare rote Leben, aus dessen Glut der Tod lockte.
Panja brachte mir freundlich die Reste meines Rasiermessers, das einer Taschensäge glich und auch als solche hier und da Verwendung fand. Es war in Zeiten betrüblicher Unkenntnis einmal von einem Koch zum Schlachten einer Ziege verwendet worden; so rächt es sich, wenn wir Europäer ein argloses Volk zu unsern barbarischen Sitten verleiten. Ein Schatten dieses Barbarentums lagerte nun seit langem in unsteten Wucherungen um mein Kinn und um meine Wangen und wetteiferte an planloser Ausgestaltung mit der Pflanzenwelt des Dschungelbodens. Guru hatte in den Pfefferranken bei Tage Vogelnester ausgenommen und mir die Eier gebracht, wir kochten aber nur die, welche noch nicht piepten. Panja kaute Betel und sah mir zu, er hatte viel Sinn dafür, wann eine Arbeit mich selbst vergnügte und wann er sie mir abnehmen mußte, auch fühlte er sich in der letzten Zeit in seiner Rolle als Reiseführer sichtlich geläutert, und mir schien es, als täte er seine Arbeit mit einem ganz neuen Bewußtsein schöner Freiheitlichkeit. Pascha putzte Palmenschößlinge, das zarteste und wohlschmeckendste Gemüse, das Indien zu bieten hat, aber ein streng verbotenes Gericht, weil das Leben der Palme, durch diesen Raub ihres Herzens, zerstört wird. Der weißliche, mittlere Trieb des Baumes wird herausgeschnitten, er ist zart wie ganz frische Haselnüsse und schmeckt ähnlich; mit Öl und saurem Fruchtsaft zubereitet, stellt er einen Salat dar, wie ihn die europäische Küche nicht aufzuweisen hat.
„Soll ich die Leute fragen, ob Mangobäume im Dorf stehen?“ sagte Guru plötzlich.
„Welche Leute?“ fragte ich erstaunt.
„Jene dort“, sagte Guru und zeigte vor sich hin.
Da erkannte ich die braunen Gesichter im Feuerschein zwischen den Blättern der Mangroven. Ich hatte mich längst daran gewöhnt, daß ich niemals allein war, aber ich erschrak jedesmal aufs neue. Erst zählte ich fünf, dann zehn und endlich etwa zwanzig große und kleine Gesichter, das ganze Dorf schien versammelt.