„Alle Träume bleiben lange leicht von der Frische der Höhen“, sagte er versunken.

„Panja, höre, nur wer die Schönheit der Erde lieben gelernt hat, hat die Erde in seinen kurzen Lebenstagen wahrhaft beherrscht. In diesem Sinn ist sie uns von Gott gegeben, so hat er es mit uns gemeint, als er sie uns gab.“

Panja lächelte kindlich, in solchen Augenblicken hätte ich ihn in die Arme schließen können.

„Dir wird nichts geschehen, Herr“, sagte er still und wie zu sich selbst. Ich weiß nicht, ob er bei solcher Zuversicht an Gottes Hilfe glaubte oder an seine, gewiß ist, daß ich selten im Leben wieder durch eines Menschen Nähe so glücklich geworden bin wie durch die seine. Durch nichts vermag ein Mensch uns seine eigenen Kräfte besser zur Verfügung zu stellen, als indem er die unseren glaubt.


So wagten wir vor Anbruch des kommenden Tages den Aufstieg zu zweien, noch als die Nacht umher herrschte und über den blauen Zelten der Berge vor uns die Sterne leuchteten. Wir schritten im spärlichen Gesang der Grillen durch dürres Steppengras unter den hohen Latambäumen dahin, die in weiten Abständen voneinander standen. Zuweilen schalt über unseren Köpfen ein Affe, den unser Tritt geweckt hatte, oder ein Vogel flog auf mit einem lauten Warnruf, der unser Nahen der ahnungslosen Natur verkündete, die an diesen Stätten wohl seit undenkbar langer Zeit der Fuß keines Menschen betreten hatte. Es war kühl und still, Panja sprach nicht, und ich schritt im Traumbann einer so tiefen Einsamkeit dahin, daß mir zuweilen war, als sähe ich, wie ein fremder Dritter, uns kleine Zwei durch die riesenhaften, graugrünen Wogen der Hügellandschaft dahinschreiten, im Dämmerlicht unter den Bäumen und Sternen.

Es war unvorsichtig genug, daß wir den Weg ohne Fackeln machten, denn am Morgen ist in dieser Jahreszeit der Panther am kühnsten, wenn er nach vergeblichem nächtlichem Raubzug durch die Dämmerung schweift. Aber es war so hell unter den Sternen, daß wir das Land weithin übersahen, und ich trug die Büchse in der Hand. Panja schritt schweigend neben mir dahin, leichten Tritts und mit erhobenen Augen, Kraft und Freude gingen von ihm aus, und ich empfand ihn als allen Lebewesen seines Landes zugehörig, und die Harmonie seiner Seele teilte sich mir mit, als sei auch ich in der Heimat.

Plötzlich begann er leise zu singen, immer die Augen auf die Höhen gerichtet und so versunken in sich selbst, als schritte er allein durch das Land. Seine gedämpfte Stimme erinnerte mich, wie auch der eintönige Rhythmus seines Liedes, an den Singsang der Priester, deren Tempel in Cannanore hinter dem Garten meines Hauses im Grünen lag, und jählings war ich aus der freien Höhe und aus der kühlen Luft in die tropische Niederung versetzt, so daß mir war, als schlügen die schwülen Dämpfe des leidenschaftlichen Wachstums über mir zusammen.

Als ich nach einer Weile die Blicke hob, nachdem wir die letzten Baumbestände durchschritten hatten, erschrak ich vor einer zackigen, flammend roten Lichtlinie, die den Himmel vor uns, hoch oben, in wagerechter Richtung zerteilte. Totenstill und wie aus Farbe zog sich dies rote Band längs des Gebirgskamms dahin, hinter den Höhen war die Sonne aufgegangen. Ich wandte mich erschüttert um und sah hinter mir das Land unter dem besternten Dämmerblau der sinkenden Nacht, fern auf dem Meer regte sich ein matter Silberglanz. Wie zwischen zwei Himmeln aus Blut und Silber pochte mein entzücktes Herz seinen Lebensschlag auf den weiten, grünbraunen Wellen der Erde, unendlich klein und doch die beseligte Quelle meiner unfaßbaren Daseinsfreude. Panja warf sich auf die Knie und verbarg sein Gesicht in den Händen. –

Eine Stunde, nachdem die Sonne über die Bergzinnen schaute, hörten die Bäume fast ganz auf. Wohl sahen wir, sobald wir eine Höhe erklommen hatten, zur Rechten oder Linken die dunklen Mauern großer Wälder in der Ferne, aber bald wurde uns der Ausblick erschwert, da wir in einer Schlucht, im Bett eines eingetrockneten Gebirgsbachs aufwärts klommen. Einen der Berggipfel ersteigen zu können, stellte sich bei der Art unserer mangelhaften Ausrüstung bald als unausführbar heraus, und so schlug Panja den Versuch vor, einen der nächstliegenden Pässe zu besteigen. Wir konnten fast den ganzen Morgen hindurch marschieren, denn die Luft war kühl und von einer Durchsichtigkeit, gegen die ein wolkenloser deutscher Sommertag wie in Nebel gehüllt wirkt. Panjas Fröhlichkeit erleichterte mir jede Strapaze, er lachte oft ohne allen erkennbaren Grund, nur aus Überfluß von Daseinskraft und glücklich über die Tatsache, in der von himmlischem Blau überdachten Welt da zu sein.