Der prachtliebende Sultan fiel von der Hand eines stärkeren Königs, der von Norden kam und die Stadt zerstörte. Ihre Tore waren bis an die runden Bogen der Gewölbe mit Toten angefüllt, und die Zähne des gefallenen Herrn der Stadt konnten nicht aus dem elfenbeinernen Griff seines Säbels gelöst werden, den er, zerfetzten Leibes, den Feinden nicht hatte überlassen wollen. So ist er unter einem Berg seiner gefallenen Getreuen gefunden worden, und die Sage erzählt, daß er auch so bestattet worden sei unter dem gewaltigen Kuppelbau, den er sich selbst, wie alle Fürsten jener Zeit, zu seinen Lebzeiten hat erbauen lassen.

Diese riesenhaften Grabdenkmäler der Stadt überragen noch heute das Trümmerfeld von Bitschapur, sie erinnern in ihrer Bauart und Größe an Moscheen, auch wird in einigen noch Gottesdienst gehalten, oder sie locken Tausende von mohammedanischen Pilgern als Wallfahrtsort aus weiter Umgebung in die heilige Stadt der großen Toten. Man erblickt in diesen Bauten seltene Steinblöcke eingefügt, deren Entstammung bis heute nicht hat aufgeklärt werden können, besonders als Grabsteine sind hier und da schwarze, basaltartige Felsstücke verwandt worden, deren Beschaffenheit die Gelehrten sich nur dadurch erklären können, daß sie sie unter die Meteorsteine einreihen. Die größte dieser Kapellen ist von einer Kuppel gedeckt, von deren Galerie der schwindelnde Blick unter sich die beiden Grabsteine klein wie Streichholzschächtelchen erblickt, und das Auge ist nicht in der Lage, einen Menschen von Angesicht zu erkennen, der sich ihm gegenüber auf derselben Galerie befindet, wohl aber versteht er das leiseste Wörtlein, das drüben im Flüsterton, gegen die Wand gesprochen, fällt, da das Kreisrund des Steingefüges auf wunderbare Art den Schall bewahrt und deutlich herumträgt. Man erzählt, daß der Sultan auf solche Art die Ergebenheit seiner Minister, die Treue seiner Gäste und die Neigung seiner Frauen erprobte, von denen er die einen oder anderen mit ihren Vertrauten auf diese Galerie führte und sich, nach herausfordernden Worten, wie zufällig von ihnen trennte, um dann Wort für Wort ihre Gedanken am verräterisch erklingenden Kreisrund der Galerie zu erlauschen. In banger Ehrfurcht vor diesem Wunder zittert das Volk noch heute in der Erinnerung an die geheimnisvolle Macht des Toten.

In einem dieser Dome, fast dem größten, fand ich statt der gewohnten zwei Grabsteine, die die Leiber des Königs und der Königin bergen und den einzigen Inhalt der Gebäude darstellen, deren drei und erfuhr die Geschichte dieser seltsamen Ausnahme, in der die Geliebte des Königs neben ihm und seiner rechtmäßigen Gattin, der Mutter des Königssohns, beigesetzt worden ist. Es geschieht sonst in keinem Fall, da nur die Favoritin, die den Erben des Reichs geboren hat, im Tode neben dem Sultan ruht, seine übrigen Frauen bleiben rechtlos, sowie auch deren Kinder, so ausgiebig sie ihre Macht und ihren Einfluß im Leben angewandt oder mißbraucht haben mögen. Aber die Geschichte erzählt, daß der König diese junge Gefährtin seines Alters zärtlich liebte, und als er aus einem Kriegszug heimkehrte, gelang es den Intrigen der Benachteiligten, Mißtrauen gegen ihre Treue in sein Herz zu säen.

Sie beschwor ihre Unschuld, aber die falschen Beweise überzeugten den König gegen seinen Glauben. Jedoch im Zwiespalt seiner Empfindungen mag er auf den Gedanken gekommen sein, ein Gericht Gottes über Schuld und Unschuld der jungen Frau entscheiden zu lassen. Er führte sie auf die hohe Galerie seiner vollendeten Grabkirche, über deren niedriges Steingeländer hinab dem Blick das Gefüge der großen Steinquadern des Bodens klein, wie die Musterung eines Schachbretts, erscheint, und befahl ihr, hinabzuspringen. Die Luft verfing sich während des Falls in ihren weiten Gewändern, und sie langte unversehrt in der Tiefe an, grüßte hinauf zu ihrem Herrn, der ihr mißtraut hatte, und tötete sich mit einem kleinen Dolch, der noch heute in der Gegend ihres Herzens hockt. Das Volk nennt sie „die Fremde“, ihr Grabstein wird mit heimlicher Scheu erwähnt, es mag dies seinen Grund darin haben, daß ihr freiwilliger Tod nach erwiesenem Recht dem Geist der orientalischen Weltbetrachtung wunderbar und unerklärlich erscheint.

Der König fiel in Schwermut, und der Gram seiner Reue soll oft in große Grausamkeit umgeschlagen sein, seine Rachsucht ist furchtbar gewesen und erst durch den Tod gestillt worden, man erzählt, daß er seit jenem Tage, nachdem die Verleumder eines gräßlichen Todes gestorben waren, allmorgendlich die Schärfe seines krummen Säbels im nackten Rücken des Sklaven prüfte, der ihm die Steigbügel seines Pferdes hielt. Sein Bildnis, das Händler der Stadt in kunstvollen bunten Kopien aus Wasserfarbe feilbieten, zeigt ihn auf einem hohen Samtkissen hockend, das Schwert über den Knien und den Blick unter dem roten, mit Edelsteinen geschmückten Turban starr und erkaltet in die Weite gerichtet. Seltsam genug meldet die Kunde von ihm, daß er, obgleich er niemals in Berührung mit seinem Volke gekommen ist und sein Anblick Entsetzen verbreitete, auch kein Mädchen seines Landes vor ihm sicher war, doch zugleich geliebt worden sei, wie kein anderer Fürst vor oder nach ihm. Seine Krieger sollen für ihn in den Tod gegangen sein, als spräche die Sterbenspflicht unter seinem Willen ihre Seelen für alle Ewigkeit frei, und seine Widersacher verfielen der Volkswut. Es ist dies ein neuer Beweis dafür, wie wenig die Volkstümlichkeit eines regierenden Fürsten mit seinen guten Eigenschaften zu tun hat, und daß kein Irrtum größer ist als der, daß die Liebe der Untertanen und die Nahbarkeit des Herrschers Hand in Hand gehen.

Als ich Bitschapur sah, lag die Stadt voll Toter. Wir kamen in der Morgenfrühe auf Pferden an, ohne Kunde davon erhalten zu haben, daß die Pest in so furchtbarer Weise in der Stadt wütete. Als wir nahe vor den Toren waren, wies mein Begleiter auf die Hügel im Umkreis der Stadt, die mit Zelten bedeckt waren, und riet zur Umkehr, aber es bot sich uns keine Möglichkeit dazu, da es uns an Wasser und Nahrung gebrach.

Die Lager auf den Höhen unterrichteten uns darüber, daß die Bewohner aus der Stadt geflüchtet waren, und so fanden wir nur Tote im Bereich der herrlichen Ruinen. Die Pferde zitterten, als uns der erste, widerlich süße Hauch der Verwesung entgegenschlug, und Wolken von Aasgeiern erhoben sich träge mit häßlichem Geschrei bei jeder Straßenbiegung. Die Leichen lagen in den offenen Türen und auf den Gassen, aus leeren Augenhöhlen und geschwärzten Angesichtern starrte der Tod uns an, und die Hufe unserer Tiere verwickelten sich in den faulenden Schläuchen der menschlichen Eingeweide, die die Geier weit über die Wege gezerrt hatten.

Die unbarmherzige Sonne spiegelte im Marmor, ihren stillen Liebeszorn bewegte kein Lufthauch, ein paar vergessene Ziegen irrten durch die furchtbare Todesöde und den gigantischen Prunk der Vergangenheit. Es war eine Hungersnot vorangegangen. Heute noch sehe ich die mageren, dunkeln Menschenkörper, geschwärzt vom Gift der Verwesung, gegen weiße Mauern gelehnt, über Steintreppen geworfen, oder am rötlichen Boden. Zwei Kinder, die einander umschlungen hielten, schienen am Rand eines Tempelteichs eingeschlafen zu sein, die Lage ihrer zärtlichen Gestalten verriet weder Angst noch Schmerzen, aber die Augen fehlten, und in geschäftigem, frohem Eifer bohrte ein grauer Geier seinen Schnabel unter die Stirnen, so daß die Köpfchen schaukelten. Als ich mich näherte, hob der Vogel den kahlen Kopf mit dem harten Schnabel, und seine gelben Augen sahen mich räuberisch an, als ob er Verwunderung darüber empfände, daß ein aufrechter, lebender Mensch sein Totenreich betrat.


Als die Sonne ins Meer gesunken und ihr letztes Licht wie in violettem, feuchtem Qualm über dem fernen Wasser zergangen war, brannte Panja ein kleines Feuer auf der Berghöhe unter unserem Felsen an, der uns nach zwei Seiten hin schützte. Wir mußten mit dem Brennmaterial sparsam umgehen, Panja hatte es zum guten Teil unterwegs sammeln und bis zu unserer hohen Lagerstätte schleppen müssen.