Die Nacht war totenstill, die ganze Welt schien erstorben, nur ein paar große Nachtschmetterlinge besuchten mein Feuer, und ihr Surren zitterte in der Luft, bis Panjas Schnarchen sie füllte. Aus weiter Ferne unterschied ich Hyänenstimmen und schwaches Bellen der Schakale. Der Sternschein tauchte in blassem Dunst der Tiefe glanzlos unter, aber über den Bergkuppen und -zacken funkelte das Licht hart und zornig, wie im göttlichen Rausch seiner unirdischen Freiheit. Der schmale Mond war erst gegen Mitternacht zu erwarten.

Ich schlief nur ganz kurze Zeit, um den Aufgang der Sonne nicht zu verpassen, und die Stunden eines einsamen Wachens auf der Höhe, in der blauen silbernen Tropennacht sind mein unvergängliches Eigentum geblieben, ein feierliches Kleid der Erinnerung, das meine Seele niemals ablegen wird. Es ist ihr bannender Zaubermantel gegen die Bedrängnisse des kleinen Alltags geworden, das Leben und der Tod wiegen ihr in solcher Hülle leicht, und der Gedanke an das Unendliche rückt nahe, wie sich das Bild im spiegelnden Wasser dem Knienden nähert.

Ich vergaß in jener Nacht, daß die Erde bewohnt ist, und ich begriff, daß wir Menschen unseres Jahrhunderts unser ganzes Wesen zu sehr darauf eingestellt haben. Unsere Beziehung zur Natur ist oft nur durch eine Flucht vor den Menschen und aus unseren Lebensverhältnissen möglich, und so erscheint uns das nur für kurz gegönnt, was uns von Anfang an zum Eigentum bestimmt war. Der Satan der neuen Welt entschädigt uns überreichlich für die Verluste unserer alten Rechte, und doch werden wir am Ende die Betrogenen sein, denn der beste Teil entgeht uns, jener Anteil, der die Gelassenheit der Besinnung mit sich bringt, die Ruhe des guten Gedankens und den Frieden der Erkenntnis unserer selbst.

Neuntes Kapitel
Die Herrschaft des Tiers

Unendliche Mattigkeit lagerte in der Luft. Wir waren nun den zweiten Morgen unterwegs, um Mangalore zu erreichen, und die Ausläufer der Dschungelwaldungen deckten uns zu, zwischen ungeheuren Felsschluchten.

Der Abstieg von den Bergen zur Küste ging langsam vonstatten, da wir unmöglich länger als die Stunde vor Sonnenaufgang und zwei oder drei nachher marschieren konnten. Bisweilen unternahmen wir noch kleine Strecken am Abend, aber es wurde wenig vom Wege zurückgelegt, da die anstrengenden und umständlichen Vorbereitungen für unser Nachtlager die kühlere Stunde vor Aufgang der Nacht beanspruchten.

Eine schmerzende Rastlosigkeit und ein dumpfer Druck in meiner Brust machten mir die Weiterreise fast unmöglich. Ich glaubte, nicht atmen zu können, und mir war, als zersprengte mein Blut seine Gefäße wie gärender Wein. Mich befiel ein Taumel, dem kein Rausch zu vergleichen ist, und ich begriff nicht, daß ich monatelang in diesem kochenden Dunst hatte leben können, wobei ich allerdings nicht bedachte, daß das Jahr vorgeschritten war und die heiße Zeit ihren Höhepunkt erreicht hatte. Die bösen Erinnerungen an mein überstandenes Fieber überfielen mich wie Raubtiere; ich fürchtete sie mehr als die hungrigen Bestien, die nicht von unserer Fährte wichen, und als die Giftschlangen, deren Biß in dieser Zeit am gefährlichsten ist und fast unmittelbar tödlich wirkt. Der ganze Urwald schien von diesem Gift erfüllt, und die Ermattung seiner Geschöpfe teilte sich dem Körper mit, bis tief in die Kammern des Herzens. Mehr als einmal verlangte ich gebieterisch, daß der Rückweg in die Berge angetreten würde, aber Panja und Pascha, die kaum noch widersprachen, taten in stoischer Gelassenheit, was sie für richtig hielten und was es unter den drohenden Ereignissen der Natur auch einzig gewesen sein mag.

Ich verlor den Sinn für die Pracht der Gegenden, durch die wir kamen; die einzige Hoffnung, die mich aufrecht erhielt, war der Gedanke an das Meer, und oft flehte ich, der tödlichen Gefahr zum Trotz, in heimlicher Gemeinschaft mit den schmachtenden Geschöpfen der Natur, den Himmel um Regen an. Es kam hinzu, daß ich die sichere Orientierung auf der Karte völlig verloren hatte, ich wußte mit Bestimmtheit kaum mehr als die Himmelsrichtung und mußte mich ganz auf Panja verlassen, dessen Urteil mir um so leichtfertiger erschien, je mehr er mich mit falschen Aussichten vertröstete. Auch mußten wir oft die Richtung wechseln, da wir uns unüberwindbaren Hindernissen gegenübersahen, so daß sich die in der Tat zurückgelegte Wegstrecke auf unser ungewisses Ziel zu oft kaum bestimmen ließ. Bald fehlte es uns an Nahrung, bald an Wasser, und nur Panjas Kenntnissen der vielerlei Früchte des Waldes ist es zu danken, daß wir nicht in bittere Not gerieten. Zuweilen fand ich trotz des schmerzenden Hungers nicht den Aufwand von Energie, mit der Büchse Umschau zu halten, und oft waren die Milch einer Kokosnuß oder eine Ananas meine einzige Nahrung für einen Tag.

Aus der Reihe der Entbehrungen und Leiden dieser Tage ist mir ein Eindruck geblieben, der sich tief in meine Seele gegraben hat, und dem ich den letzten Aufschwung meiner Kraft verdankte. Wir kamen an einem Frühmorgen, bevor die Sonne aufgegangen war, in die schmale Felseinmündung zu einer Schlucht, die sich bald groß und weit vor unseren Augen öffnete. Es herrschte noch jenes seltsame und ergreifende Zwielicht von Mondschein und hereinbrechendem Morgenlicht, das ich nur in den Tropen in diesem magischen Glanz eines Kampfes um die Herrschaft angetroffen habe. In den Ländern des Abendlandes scheint die Nacht dem Tage auszuweichen, ihre Gestirne verblassen gelinde, lange bevor die Sonne am Horizont sichtbar wird, und der schüchterne Morgenmond, der noch bisweilen zu sehen ist, wirkt wie eine verlöschende Erinnerung an die Nacht. Aber in Indien sind die Lichter der Nacht mit dem Glanz des hereinbrechenden Tages in einen leidenschaftlichen Kampf verstrickt, der seine Zwiespälte der Seele um so eindringlicher mitteilt, je mehr die Stille der Lichtwelten ihre Gewalt und Beharrlichkeit behauptet.