Die ersten Tierstimmen erwachten um uns her, aber nichts regte sich. Wir waren tief im Grünen und krochen und sprangen abwärts in weiten Abständen voneinander, von Fels zu Fels, über gestürzte Baumstämme und sumpfige Löcher, in denen die Überreste eines Gebirgsbachs faulten. Nach einer Weile öffneten sich Bambuswände, und ich gewann für kurze Zeit einen freien Blick über die ungeheure Schlucht. Zur Rechten und zur Linken erhoben sich gelbliche Felswände, beinahe senkrecht abfallend und fast ohne Vegetation. Sie liefen in der Ferne auseinander und ließen einen Blick in die dampfende, grauschimmernde Weite zu. Der Dschungel erschien wie eine dicke, grüne Decke im Winkel eines riesenhaften Gemachs mit braunen Wänden, und der Morgenhimmel darüber war von gläserner Klarheit.
Die westliche der beiden steilen Felswände war bis zur Hälfte wie mit dunkelroter Farbe bemalt, gegenüber flimmerte das Mondlicht im Grünen. Ich stand, von diesem Bild gebannt, in Betrachtung versunken da. Zugleich mit der Hoffnung, daß nun der schwierigste Teil unserer Reise überwunden sein möchte, glaubte ich die Wohltat eines leisen, kühleren Windes zu verspüren, und meine Augen glitten entzückt über die goldene Glutbahn des Morgenlichts an der Felswand dahin.
Auf halber Höhe dieser Wand, etwa dort, wo sie der Sonnenschein teilte, lief eine ausgehöhlte Bahn wagerecht durch das Gestein, die man wohl für eine alte Meergrenze hätte halten können. Sie wirkte wie ein überdachter Weg und mag auch zum großen Teil gangbar gewesen sein, führte an halbkuppelartigen Höhlen vorüber und gewährte vereinzelten Zwergpalmen und Aloëstauden Halt. Vor der größten dieser Höhlen war ein kleines Felsplateau, nicht größer als etwa der Raum, den ein alter Lindenbaum in der Mittagssonne zu beschatten vermag, und am Rand dieser Felsplatte in der Sonne lag etwas. Ich erinnere mich deutlich, daß, noch bevor der Eindruck, der meine Augen fesselte, mir irgend zum Bewußtsein gedrungen war, noch ehe ich darüber sann, was dies gelbliche ruhige Etwas sein möchte, ein Unterbewußtsein, wie eine ahnungsvolle Ehrfurcht mich bannte. Aber dann wußte ich es jählings, wie durch einen lauten Zuruf aufgeklärt, und auch ohne daß ich noch Figur und Zeichnung recht unterschied: der Tiger.
Es ist das einzige Mal gewesen, daß ich in Indien einen Tiger in der Freiheit erblickt habe. Ich lehnte mich an den Stamm eines Baumes, schloß die Augen und öffnete sie wieder und sah hinauf wie einer, der sich von seinen Blicken betrogen glaubt. Niemals werde ich die hellbraunen Felswände vergessen, das Morgenlicht in der Steinkuppel und vor ihr, wie auf einem Marmorsockel als Thron, im Schutze des steinernen Baldachins, die ruhende Sphinxfigur des Tigers. Die Entfernung und die Höhe der Felswände ließen ihn mir klein erscheinen, aber ich unterschied die Zeichnung des Fells deutlich und sah die Pranken nebeneinander ruhen unter dem schrecklichen Haupt, das unbeweglich, wie gemeißelt, die geschmeidige Linie des Rückens und des breiten Nackens vollendete und dessen Augen in die Weite gerichtet schienen. Eine Majestät ohnegleichen ging von diesem glühenden Monument der Natur aus.
Es ergriff mich eine Traurigkeit, die ich niemals ganz werde begreifen lernen, aber ich weiß, daß meine Hände sich ballten und zitterten. Damals erfaßte ich zum ersten Male die Schönheit und Größe der ägyptischen Sphinx, dieses gewaltigsten Steinmonuments, das der Geist und die Erkenntnis des Menschen jemals im Licht des Anspruchs und der Ehrfurcht erschaffen haben. Die Begriffe der Gottheit, der Natur und des Menschseins sind in ihren vielfachen Widersprüchen in dieser Gestalt zu einem Kunstwerk vereint, welches das Unerbittliche lieblich mit der Hoffnung verbindet, die Herrschsucht mit der Anmut, die Gefahr mit der Lust und die Gottheit mit dem Spiel. Und keineswegs einzig durch den Abstand, welcher uns von diesem Bildwerk scheidet, sondern an sich und für alle Zeiten der Vergangenheit und Zukunft stellt die Sphinx das gewaltige Denkmal der Historie dar, jener Historie, die über der Gewißheit einer großzügigen Entwicklung jede Erinnerung an Einzelheiten und Geschehnisse zu verschmähen scheint und nur in erhabenen Merksteinen die Jahrtausende mißt, welche das Menschenherz im unveränderbaren Pulsschlag durchpocht.
Der Anblick dieser großen ruhenden Katze in der Sonne, hoch in der Felsenfreiheit, über dem unruhig gärenden Bett der vielerlei kleinen Geschöpfe und Pflanzen des Dschungels, trug meinen Geist über die Geschicke der Zeiten fort, zurück bis an jenen ältesten Stein der Menschheitserinnerung. So erschien mir das herrliche Tier in seiner Vereinsamung, wie ein später Nachkomme einer versunkenen Zeit, schon im schwermütigen Schatten des Abschieds seines starken Geschlechts von der Erde der Menschen, denen es mit vielen, längst vergessenen Wesen hat weichen müssen.
Aber hier war noch das Reich seiner Herrschaft. In der Morgensonne funkelte sein steinerner Thron, und den erwachenden Urwald, tief unter dieser königlichen Ruhe, schreckten die Schauer vor solcher Majestät. Arm, müde und machtlos schlichen ein paar Menschlein unten durch das schützende Grün, und unter ihnen ich, geduldet und eingeschüchtert durch die Herrschaft des Tiers.
Als ich am Abend im Zelt einzuschlafen versuchte, entdeckte ich zwischen den Bäumen hindurch an den Himmelslücken einen rötlichen Schein, der nicht von unserem Feuer kommen konnte. Ich trat hinaus und prüfte die Weite umher, so gut es mir gelang. Der Mond ging erst gegen Morgen auf; ich sah, daß der ganze Himmel glutete, und weckte Panja.
„Die Steppen brennen“, sagte er, nachdem er sich umgesehen hatte, und sog die Luft durch die Nase ein, aber die windlose Nacht trug keinen Brandgeruch bis zu uns. „Die Berge brennen,“ wiederholte er schlaftrunken, „tausend Tiere sterben, darunter die schädlichen. Die Bergmalabaren zünden die Reste an, die die Sonne zurückgelassen hat; oft entstehen die Feuer auch, ohne daß jemand weiß, wer sie angelegt hat.“