Der Glutschein nahm zu und verbreitete eine erregende, matte Helligkeit im nächtlichen Wald, die Stimmen der Tiere schienen vereinzelter und gedämpfter zu klingen, wie in Ehrfurcht vor dem draußen herrschenden Element.
„Es heult nicht, das Feuer,“ sagte Panja und lauschte, „ruhig schleicht es über die Höhen.“
Er legte sich wieder zur Ruhe nieder, es drohte uns keine Gefahr, aber mich floh der Schlaf, den ich eben noch ohne Glauben gesucht hatte. Ich sah im Geist die roten, wehenden Feuerfahnen über die endlosen graugrünen Hügelweiten flattern in der blauen Nacht, und mir war, als hörte ich die Stimmen des fliehenden und ereilten Getiers, das im Streit um den Besitz der Berge, dem Menschen auf der Walstatt eines unaufhörlichen Kampfes erlag. Gegen Morgen würde der Mond durch den Rauch scheinen, bis langsam die Sonne die goldenen Kämme der Berge in ihrer Ruhe über dem bewegten Bild entzündete; dort oben war es still, die ewigen Kriege waren dort längst verrauscht.
In der Schlucht rief ein Uhu, immer lange, wie aus tiefer Brust hervorgehauchte Töne, in weiten Abständen voneinander, bald wie in dumpfer Daseinsangst, bald wie in Liebesqual. Als der rote Schein zunahm, verstummte er, die Felsschlucht schwieg, die dunklen Wände im rötlichen Nebel vereinsamten aufs neue, und die verlassene Nacht zog weiter, im glühenden Schleier.
Es war eine lautlose Unruhe in der trägen Üppigkeit des verblühten Waldes und die Geister der Vermoderten kamen aus der Vergangenheit hinüber in die Bereiche meiner Erinnerung und begannen zu mir zu reden. Überall umher lagen überwache Sinne in Krankheit, aus Löchern, Höhlen und grünen Schlünden starrten die Masken unersättlicher Gier und gereizter Ermattung einander an, im steilen Bambus schlief der Wind, hingesunken wie ein von giftigen Gasen zum Taumeln gebrachter Falter. Die Ungeduld des Erdbodens, an der widrigen Grenze süßlicher Ersticktheit, teilte sich dem Blut der Wesen mit, aber nichts half mehr, kein Geschrei und keine Klage, kein Trost und keine Wut. Nur im Wasser oder im Feuer war Errettung zu finden. Hatte nicht Panja eben noch gesagt, die Steppen entzündeten sich selbst?
Es klagte matt in der belebten Stille, ein Vogel, ein Waldtier oder ein sinkender Baum, der sich seufzend in das morastige Bett seiner Entstehung neigte. Ich lauschte auf die röchelnden Flüstertöne des Verfalls, in denen die Stimmen der Versunkenen meine willenlosen Gedanken in ihr vergessenes Bereich zurückführten. Der Geist des Fiebers schillerte mich böse, mit grünen Augen, aufs neue an, und ich fühlte mich vom Sterben umhüllt und ihm unrettbar preisgegeben. Ich empfand in merkwürdig tauber Verwirrung der Verlassenheit, daß ich das Sterben noch nicht gelernt hatte, mich verlangte inbrünstig nach Taten, nach Kampf und Anstrengungen, und meine höchste Angst bestand im Gedenken an dies laue, erstickende Welken des Bluts, wie es umher von mir gefordert wurde.
War es, weil meine Augen am Tage die Hoheit des Dschungelherrschers gesehen hatten, daß ich den Mut und die Kraft zum eigenen Lebensrecht nicht mehr aufzubringen vermochte? Die Bedrängnisse, in denen sich die Natur befand und die sich meinem Gemüt von Stunde zu Stunde eindringlicher und überwindender mitteilten, ja, denen ich völlig zu erliegen drohte, weckten im Grunde meiner Gedanken ein bohrendes Bewußtsein von Schuld. Welcher Empfindende und Verstehende suchte in aller Not nicht zuerst die Schuld in der eigenen Brust? Die Erkennenden sind verantwortlich, sie sind es, welche in Wahrheit Opfer bringen und welche die Sühne tragen, im Kleinen wie im Großen. Hatte ich die Trauer und Größe der alten Herrschergewalt dieses Landes nicht erschauernd erblickt und ehrfürchtig auf meine Art erkannt, wie ein verächtlicher Eindringling, und im Herzen schuldig aus Hochmut?
Wenn ich die Augen schloß, so war mir, als dränge durch die Erschlaffung der verschmachtenden Welt ein Pesthauch von jener Stätte zu mir hinüber, an der ich zwischen den bläulichen Stachelarmen der Aloën den gelben Leib des toten Panthers gesehen hatte, dann wieder tauchte die beschienene, steinerne Kuppel vor meinem Geiste auf, die als ein goldstrahlender Baldachin den Thron des Tieres schützte. Der Tiger war berufen, in diesen Bereichen zu herrschen, ihn vergifteten die Dünste des Dschungels nicht, der Brand der Tropensonne wurde seinem zähen Leib mit den eisernen Strängen der Sehnen zur Wohltat, er durchschwamm die reißenden Ströme zu seiner Erfrischung, wie im Spiel, und durchschweifte die Steppe tagelang, ohne Gefährdung und ohne Bedrängnisse.
Wie in den zugleich bedrückenden und beängstigenden Sinnesschwankungen des nahenden Fiebers, die sowohl Verwirrungen als auch die übernatürlichen Klarheiten der Vision mit sich bringen, war mir, als könnte unmöglich jene Grenze gar zu weit zurückliegen, an welcher der Wechsel der Herrschaft von Tier und Mensch über die Erde stattgefunden haben sollte. Als habe sich meinen eingeschüchterten Sinnen erwiesen, wie töricht der Menschenhochmut, in der leichtfertigen Sicherheit seiner zerbrechlichen Städte, sein Machtbereich und seine Herrschaft überschätzt. Und mir war aufs neue, als träte der Geist dieses Landes und seiner alten Völker zu mir und überredete mein Herz. Ich begriff eine Lehre, die das Tier ehrt, anbetet und niemals tötet, deren religiöses Bewußtsein und Bekenntnis eine tiefe Beziehung zum Wesen des Tiers ahnen läßt, und die die tatlose Geduld, die ehrfürchtige Erwartung und das heilige Harren in demütiger Ergebenheit preist. Wie vorzeiten in einer unvergeßlichen Traumnacht ein Affe im Triumph seiner überwundenen Gefangenschaft zu mir gesprochen hatte.
Wie aber die ungewisse Neigung zur Ehrfurcht Angst und noch keine Beruhigung erzeugt, deren Friede erst mit der eingetretenen Erkenntnis hereinbricht, so erschien es mir in heimlichem Erzittern zu dieser Stunde, als sei die Herrschaft des Tiers auf der Erde nicht überwunden, sondern als bestünde sie noch, wenn auch verborgen und beengt, so doch in ihrer ursprünglichen Gewalt und Finsternis.