Mit den ermüdeten Zügen Hucs, des Affen, der mir zu Beginn meiner leichtfertigen Fahrt in die überblühten Ruinen des alten Gottreichs erschienen war, trat aufs neue der Geist dieser versunkenen Zeit vor mich hin, und seine grauen Augen sahen mich an: „Noch herrscht das Tier, hier, um dich her, im Rahmen der ihm zugehörigen Natur, in die der Mensch nicht weiter eingedrungen ist, als ein Borkenkäfer in einen Baum, dort verborgen in der aufrechten Gestalt, unter der weißen Haut, hinter der klugen Stirn und den schönen Augen. Vollzieht sich die Wandlung unter dieser Hülle nicht immer noch rasch und leicht? Nicht allein auf Schlachtfeldern und im Getümmel der entflammten Haufen, auch in stillen Kammern oder auf offenen Märkten, unter den Marterpfählen der Heiligen, oder im Schmeicheln der süßesten Rede? Noch herrscht das Tier. Die Weisen der Erde erzittern auf ihrem Weltpfade unter dem Gebrüll, das um sie her erklingt, wenn sie eilend, gerafften Kleids, mit verwundeter Hoffnung ihre Zeit durchmessen.“

Mit feurigen Schritten schlich die Nacht träge dahin, der Himmelsschein der brennenden Steppen erlosch allmählich, aber es war, als habe er eine vermehrte Hitze zurückgelassen, immer noch war kein Hauch des nahenden Morgens zu verspüren. Vergebens forschte ich am Himmel nach dem Morgenstern, und mit den düsteren Wetterwolken, die wie böse Ahnungen im glühenden All herandrängten, begann neben mir monoton die Stimme meiner Angst aufs neue:

„Das Tier herrscht. Wenn der Morgen sich ankündigt, so wird dein Blut erloschen sein, du sollst in diesem schwülen, grünen Mantel ersticken.“ Meine Qual entstand nicht durch den Gedanken an den Tod meines Leibes, sondern durch diese düstere Ahnung von der Herrschaft des Tiers und durch die Hoffnungslosigkeit, in der ich, am Rande des Wahnsinns, nach einem Ausweg suchte, nach einer erlösenden Gewißheit, nach dem Licht der Zukunft. Wie der Zweifelnde das Leben seiner Geliebten argwöhnisch nach Beweisen ihrer Schuld durchforscht, gegen seinen besseren Willen, ja, fast gegen sein Gewissen, so durchforschte mein Geist in diesen Nachtstunden die Geschichte der Erde nach den Merkmalen des Tiers, und aufs neue tauchte das Bildwerk der Sphinx vor meinen geistigen Augen empor. Es verschmolz mir in der alten Erinnerung des Menschenwesens und in der Erinnerung meiner eigenen zeitlichen Erlebnisse mit der Erscheinung des ruhenden Tigers an der Felsenwand. Es war, als habe diese Erscheinung, von der meine Augen am vergangenen Tage betroffen worden waren, im mystischen Zusammenhang mit der alten Menschenfurcht und -ehrfurcht, einen erklärenden Lichtschein auch in meine Erkenntniswelt geworfen, und in jener Nacht hätten keine menschliche Weisheit und keine Überzeugungskraft mich vom Wege meiner Gedanken abzubringen vermocht.

In ihm, jenem alten Volke der Ägypter, mußte das Bewußtsein klar gelebt haben, daß die Herrschaft des Tiers nicht überwunden war, sie erschufen in unfaßbarer organischer Einheit den Katzenleib mit dem Menschenkopf und den Menschenleib mit dem Löwenhaupt. Sie erhoben diese Standbilder zu Gottheiten, verehrten sie in ihnen und erkannten sich selbst darin.

Während meine Gedanken nach Sicherheit suchten, nach dem entscheidenden Gegenwert, nach der Verkündigung der Wahrheit, daß das Tier dennoch überwunden sei, schritt auch Johannes an mir vorüber, der den göttlich-weisen Heiligen von Golgatha am lautersten geliebt hatte. Auch ihn, den, wie keinen, die menschliche Hoheit und der göttliche Triumph seines Meisters durchdrungen hatten, schreckte in den verzückten Ahnungen eines künftigen Reichs des Menschensohns, das Tier. In seinen letzten Visionen, in denen Furcht und Hoffnung das liebende Gemüt im zerrütteten Leib zerrissen, erschien ihm das Tier:

„Und ich trat an den Sand des Meers und sah ein Tier aus dem Wasser steigen, das hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Häuptern Namen der Lästerung. Und ich sah seiner Häupter eines, als wäre es tödlich wund, aber seine tödliche Wunde ward heil, und der ganze Erdboden verwunderte sich des Tiers. Und sie beteten das Tier an und sprachen: 'Wer ist dem Tiere gleich? Wer kann mit ihm Krieg führen?!' Und ihm ward gegeben, zu streiten mit den Heiligen und sie zu überwinden, und ihm ward Macht über alle Geschlechter gegeben.“ –

Die brodelnde Finsternis des heißen Urwalds umdunkelte meine überwachen Sinne, wie im Taumel einer nahenden Ohnmacht, und meine armen Gedanken huschten wie blasse Irrlichter darüber hin. Damals war mir der Gedanke an meinen nahen Tod zur Gewißheit geworden, und ich weiß zuversichtlich, daß ich seinem Schatten niemals näher war. Eine unbeschreibliche Sehnsucht nach dem Morgen wachte, wie eine letzte Hoffnung, unverstanden und von düsterer Traurigkeit bedrückt, in meinem Herzen, das erstickend in Finsternis und Erdschwüle nach Erlösung rief. Ich muß kurz nach diesen letzten Erinnerungen in Schlaf gesunken sein, über mir den qualmenden Rachen des Tiers.

Aber der Traum, mit welchem ich im Morgenlicht erwachte, war leicht und lieblich, als belohnte ein gnädiger Geist die Bedrängnis meiner Gedanken mit einer frohen Zusicherung. Es ergeht uns Irdischen oft so, daß sich der Wechsel und Ausgleich von Finsternis zum Licht mit dem Wechsel von Schlafen und Wachen vollzieht, oder bisweilen wohl auch umgekehrt, als läge die Absicht, zu schlichten und zu besänftigen, im natürlichen Wandel unserer Zustände. So mag es sich erklären, daß ein heiter verbrachter Tag sich in düsteren Traumbildern spiegelt, oder daß die Angesichter der Toten zuweilen nach furchtbaren Qualen des Sterbens einen unnennbaren Frieden in ihren Zügen tragen.

Ich erinnere mich keines Traums, der meinem Gemüt eine größere Helligkeit gebracht hätte, und keine Wohltat ist jener Ruhe zu vergleichen, die mir in den Lösungen geschah, die sich wie gnädige Offenbarungen an die Pein meiner Angst und meines Zweifels im Schlafe anschlossen. Erkenntnisse, welche uns durch Träume vermittelt werden, haben eine seltsame Unschuld der Erfahrung, es erscheint oft, als schlössen sie alle jene Irrtümer aus, die das bereitwillige Denkvermögen des wachen Gehirns so leicht begeht, in seiner Hoffnung, es möchte aus dem Vielerlei ein Viel entstehen, und aus dem Mancherlei ein Besonderes. Das Grübeln ist der Feind des Denkens, denn die guten Gedanken kommen zu uns wie das Licht oder die Wärme, unversehens, wie ein Sonnenblick durch die Schleier der Wolken, oder wie eine Knospe an ihrem Strauch im Frühlingsregen aufbricht. So mag der Schlaf ein tätiger Freund des Denkens sein, und das oft scherzhaft gebrauchte Wort, daß der Herr es den Seinen im Schlafe gibt, hat ebensowohl einen tiefen Sinn, wie das uralte Verlangen der Menschen, Träume auf rechte Art deuten zu lernen.

In einem hellen Zug, der auf dunklem Erdgrund allein und deutlich von einem klaren Himmelsstrahl beschienen wurde, zogen die Heiligen der Geschichte, die das Tier überwunden haben, im Traum an mir vorüber. Die Reihe rückte aus unergründbarer Welttiefe, die ganz in Finsternis gebettet war, so hell heran, als flösse ein weißer Bach in der Nacht über schwarzen Erdgrund. Und jedesmal mit dem Augenblick, in welchem eine Gestalt deutlich erkennbar wurde, zerfloß sie in das große Wort ihres wichtigsten Bekenntnisses. Mit dem Erklingen dieses Worts aber, das sich wie ein Lichtschein in meine Sinne ergoß, versanken das Angesicht und der Name seines Trägers, aber es erschien mir, als läge es so im Willen der Heiligen. Im Halbdämmern, das in ihrer Nähe herrschte, erkannte ich undeutlich in ihrer Begleitschaft die gewaltigen Umrisse gefesselter Tiere. Ich erblickte darunter einen Drachen, hundertfach verschlungen und in dunklen, glühenden Farben von großer Pracht, das Löwenhaupt der Sechmet, über den lieblichen Mädchenschultern, tauchte empor und erlosch, die heilige Schlange, gekrönt, mit geblähtem Hals unter dem Gift des Rachens, und das weiße Rind.