Nun, es erschien, als habe der Brahmine weiter nicht Anstoß an meinem Ruf genommen. Der Händler erhielt den geforderten Preis und benutzte den Rest des Tages zum gemächlichen Einpacken seiner Schätze, offenbar hatte das Geschäft, das er mit mir gemacht hatte, ihm ermöglicht, sich für einige Wochen ins Privatleben zurückzuziehen. Ich rief nach Panja.

„Ich weiß schon,“ sagte er kalt, „du ziehst Verbrecher ins Haus. In kurzer Zeit werden wir alle drei gehängt werden.“

„Woher weißt du denn, wer kommt?“

„Du hast es mir ja selbst gesagt, Sahib.“

Ich war überzeugt, es nicht getan zu haben, konnte aber nicht für mich bürgen. Die Tatsache, mich bis ins kleinste beobachtet zu finden, überraschte mich immer wieder, aber Neugierde ist die heiligste Pflicht eines indischen Dieners, und es erscheint einem oft, als stünden Todesstrafen auf Verschwiegenheit. Sicher war, daß Panja diesem Besuch ungern entgegensah, er häufte alles an Schmähungen und Verdächtigungen an, was er aus einem zweitausendjährigen Ruf dieser Kaste nur immer in Erfahrung gebracht hatte. Trotzdem gewahrte ich deutlich eine Scheu, jene alte Achtung, die allen Kasten den Brahminen gegenüber eigentümlich ist, und die kein Haß und keine Furcht verdrängt haben.

Mangesche Rao kam am nächsten Tage mit großer Pünktlichkeit genau zur angegebenen Stunde. Er ritt durch das Gartentor ein, bis dicht vor die Holztreppe der Veranda. Der Diener, der sein Pferd am Zügel führte, diesmal ein anderer, meldete seinen Herrn durch einen gedämpften Zuruf an, der mir in seiner seltsamen Feierlichkeit und seinem eindringlichen Pathos unauslöschlich im Gedächtnis geblieben ist. Panja erschien, ernst und würdevoll.

Der Brahmine schritt die Treppe erst empor, als ich ihm in der Tür entgegentrat, er reichte mir nach europäischer Sitte die Hand, das einzige, was mich außer seiner Erscheinung in seinen Gewohnheiten an seine Kaste mahnte, war die eigentümliche rituale Vorsicht, mit der er seine Schuhe an der Schwelle der Tür ablegte, um das fremde Haus mit nackten Füßen zu betreten. Er bückte sich dabei nicht, die safranroten sandalenartigen Schuhe blieben zurück, wie durch einen Zauberspruch von den Füßen gelöst.

Wahrscheinlich wird mein Gast sich keine Vorstellung von dem Eindruck gemacht haben, den seine Erscheinung von den ersten Augenblicken an auf mich machte. So groß das Selbstbewußtsein eines Menschen sein mag, der sich seines Werts bewußt ist, immer wird ihn vom unbedingten Glauben seiner Wirkung die Erkenntnis abhalten, daß ein anderer nur so viel würdigen kann, als er beansprucht, und in dieser Hinsicht lag für den Brahminen gewiß kein Grund vor, von mir ein besonderes Erfassen seiner Vorzüge anzunehmen. Ich war überrascht, wie jung er wirkte, als ich sein Alter erfuhr. Nicht allein sein sorgfältig rasiertes und sehr schmales Gesicht ließ darüber in Zweifel, sondern vor allem seine ungewöhnlich schlanke Gestalt und die Anmut seiner Bewegung, die allerdings weit von jeder Gefallsucht entfernt war. Als seine Augen, dunkel aus dem hellen Braun des Gesichts, unter dem gelben Seidenturban hervor, zum ersten Male in die meinen sahen, erfaßte mich wie ein Taumel von Begierde, Befriedigung und Stolz eine Ahnung vom Geist der Jahrtausende, die ihrem späten Sohn den Glanz ihrer Kultur wie einen Kranz um die Schläfen gelegt zu haben schienen. Etwas vom Zauber jener Träume meiner Jugend, die unter dem Namen Indien in mir erwacht waren, beglückte mich, und mir erschien, als stünde ich erst heute wahrhaft vor den Toren seiner Geheimnisse.

Die fremden Augen sahen mich bei den ersten Worten unserer Unterhaltung an, als läge dem Sinn dieses Mannes nichts so fern, als mich zu prüfen. Es ist das erstemal gewesen, daß diese Bescheidenheit der Überlegenheit mir wohltat, ich begriff, wie viel Unsicherheit, wie viel Abwehr und falsche Besorgnis in jenem Prüfen liegt, mit dem wir in den meisten Fällen einer neuen Bekanntschaft beginnen oder empfangen werden. Diese Unbeteiligtheit der Augen wirkte höflich und verbreitete eine Gelassenheit, als gäbe es in der Welt nichts Natürlicheres, als unsere Zusammenkunft. Ich dachte an die Erzählung des Kollektors und mußte über seinen Eifer lächeln, mit dem er sich bemüht hatte, mir ein Bild dieses Mannes zu entwerfen, ich begriff, wo die Besorgnis des Engländers ihren Ursprung hatte, und war über nichts so glücklich, als daß kein politisches Interesse den Brahminen und mich zusammengeführt hatte.

So mag es gekommen sein, daß ich ohne Rückhalt, ohne kleinliche Vorsicht und in heiterer Offenheit zu diesem Manne sprach, und er schien rasch zu bemerken, daß ich nichts zu verlieren fürchtete, als seine persönliche Achtung. Es war erstaunlich, wie richtig er aus den Äußerungen meines Temperaments auf meine Gesinnung schloß. Offenbar hatte er, ohne falsch oder auch nur vorsichtig zu erscheinen, schon nach der ersten halben Stunde unserer Unterhaltung eine ganze Reihe heimlicher Prüfungen vorgenommen, deren Resultat den Rest seiner Befürchtungen zerstreute. Wir sprachen von der englischen Regierung, er lobte ihre Umsicht, die Rede kam auf die deutsche Mission und Mangesche Rao sagte, höflich gegen mich, als den Landsmann ihrer Vertreter, das Beste über diese Leute, was sich über sie sagen ließ.