Ich erfuhr von diesen Dingen zum ersten Mal durch den Brahminen Mangesche Rao, dessen aufrichtiger Glaube an die Möglichkeit eines geeinten Indiens mich hinriß, wie auch sein Haß gegen England, welche beide im Verlauf unserer Beziehung immer unverhohlener zutage traten. Ich gewann Mangesche Raos Vertrauen in dem Maße, als er an meine Anteilnahme glauben lernte, und wenn er auch, mehr einem Prinzip als eben einer Befürchtung folgend, alle praktischen Einzelheiten vor mir geheimhielt, so gewann ich doch bald einen allgemeinen Einblick in das Interessengebiet des politisch kämpfenden Indiens.

Er setzte voraus, daß seine Ideen mir wertvoller waren, als seine Mittel, sie zu realisieren, und überließ mir den Schluß vom Gedanken auf die Möglichkeiten zur Tat. Die Liebe zu seinem Lande begeisterte mich, seine Hoffnung war heiß und jugendlicher Art und stand in einem seltsamen Gegensatz zur Gelassenheit und Beherrschung des Wesens, die er zur Schau trug. Ich lernte ihn um der glühenden Hingabe willen lieben, in welcher er sich einer Sache opferte, deren Bedeutung und Aussichten ich damals nicht zu übersehen in der Lage war. Sicher ist, daß ich leicht bei meiner raschen Anteilnahme in Dinge hätte verwickelt werden können, die mir verhängnisvoll geworden wären.

Aber was der Brahmine aus seiner reichen Welt großer Ideen in einen politischen Kampf hinübernahm, hing so eng mit seiner Jugend zusammen, wie sein Eifer mit seiner Hoffnung. Im Grunde war er so wenig Politiker, wie die Fragen nach Mein und Dein ihn lange in ihrem zänkischen Bereich hätten fesseln können. Die priesterliche Tradition seines Stammes, die tief in seinem Blute lebte, zog ihn immer wieder in ihre beschauliche Stille zurück, und im Grunde lockte die Erkenntnis ihn mächtiger, als der Kampf um den äußeren Glanz der Welt.

Die Bekanntschaft und mein immer mehr zunehmender Umgang mit ihm veränderten meine Lebensweise und meine Betrachtungsart der Welt, die mich umgab. Ich strich nun oft allein und nachdenklich durch den belebten Basar und am Dunkel der Tempeleingänge vorüber, deren gelbe Messingplatten am alten, von unzähligen Händen und Füßen dunkelpolierten Holz, geheimnisvoll aufblinkten, wie die Riegel zu Höhlen voll ungeahnter Wunder. Ich achtete mit neuem Verständnis auf die vielerlei Abzeichen auf den Stirnen der Inder, die bald mit Ruß oder Asche, bald mit Henna gemalt waren, und lernte die Kasten voneinander unterscheiden.

Wenn die Trommeln und Pfeifen und der wahrsagerische Gong im Dämmern der Tempelhöfe erklangen, kamen mir die Worte Mangesche Raos über den Sinn der einzelnen Zeremonien neu belebt ins Gedächtnis, und gemeinsam mit seiner Hoffnung erwachte der Wunsch in mir, der alte Geist möchte sich einst von den Schlacken dieser heidnischen Entstellungen zu seiner ehemaligen Freiheit erlösen.

Einmal waren wir weit über die Stadt hinaus am Meer dahingeschritten, unter der geraden Palmenallee, und ich sah die nackten Hindus, braun im Sonnenlicht glänzend, im flachen Wasser fischen, unser Gespräch war bald, wie schon so oft, von weltlichen Dingen der Politik auf religiöse Fragen gekommen, und vielleicht in der Hoffnung, einmal klar und bestimmt den Sinn des Hinduismus zu erfassen, fragte ich Mangesche Rao:

„Was ist das Brahman? Ich höre Gedanken von tiefem Sinn, Weisheit voller Schönheiten, Erlösungsgedanken voll hellen Befreiungsglaubens, aber über dem Begriff des Brahman selbst schwebt ein mystisches Dunkel.“

Da antwortete mir der Brahmine:

„Das Wesen des Göttlichen kann ein Herz nur empfinden, aber ich will Ihnen so antworten, wie die ältesten Priester der Veden es gedeutet haben. Nach ihnen ist das Brahman das Licht des Geistes und die Seligkeit ohne Leid. Das Brahman ist die Freude, das uranfängliche Wissen, eine unterschiedslose Masse von Erkenntnis, aus Seligkeit bestehend, zugängig durch das Bewußtsein, mit höchster Einsicht ausgestattet.“

Wie nah lag nach dieser herrlichen Darlegung die Frage nach der Möglichkeit, auf die ein Herz dieses Heils teilhaftig werden könnte. Mangesche Rao dachte eine Weile nach, dann sagte er: