„Ich will Ihnen eins der Distichen aus dem Atmabodha nennen, das vielleicht Ihre Frage nicht so beantwortet, wie sie gestellt ist, das aber die rechte Entgegnung auf eine recht gefaßte Frage wäre:

Der Fromme, der des rechten Wissens kundig,
erschaut es mit dem Auge der Erkenntnis,
daß in ihm selbst beruht das ganze Weltall,
und daß er selbst das Eine ist und alles.
Wie eine Eisenkugel, die durchglüht ist
vom Feuer, so durchdringt das Brahman
das ganze All im Innern und von außen
mit seinem Licht, indem es selbst erstrahlt.“

Er sprach leise und feierlich. Mir war, als erinnere sich ein tausendjähriges Geisterreich seines versinkenden Lichts, und zum ersten Mal überkam mich mit dunkler Gewalt die Trauer um das verlorene Indien. Ich begriff in heimlicher Beängstigung die Vergeblichkeit des Kampfes, in welchen dieser Mann neben mir, wie in sein Schicksal, verstrickt war, und mein Verlangen schwankte unruhig zwischen dem Wert der alten und der neuen Welt. Mangesche Rao schien meine Gedanken zu ahnen, denn nach einer Weile des Schweigens meinte er in leichterem, fast geschäftigem Tone:

„Es ist niederdrückend, erkennen zu müssen, daß alles, was wir unter großen Opfern zur Wohlfahrt des geknechteten Volks errungen haben, immer wieder zum Anlaß seines Mißtrauens wird. Als ich mich entschloß, die Hochschule in Madras zu besuchen, wurde ich aus der Gemeinschaft meiner Kaste ausgestoßen, und als ich mit Erfolg um eine einflußreiche Stellung unter den Feinden rang, verlor ich das letzte Zutrauen im engsten Kreis meiner Freunde. Und doch haben wir Inder keinen anderen Weg, den Kampf mit England aufzunehmen. Heute unterdrückt in Indien noch die politische Macht die Freiheit des Geistes, aber es wird bald so weit kommen, daß auch hier, wie überall in der Welt, der Geist die Herrschaft antritt. Damit wird Englands Niedergang in Indien beginnen. Die Einsichtigen wissen es, und es beginnt bereits eine starke Strömung, die uns die eingeräumten Rechte wieder zu schmälern sucht, denn England fühlt, wo es uns gewachsen ist und wo nicht. Aber wie bitter ist es, in solchem Kampf erfahren zu müssen, daß unsere eigenen Landsleute, deren Wohl unsere Mühe gilt, sich gegen uns wenden.“

Ich habe später oft an diese Worte denken müssen, als das Geschick meines Freundes sich erfüllt hatte, ich erinnerte mich ihrer, wie einer ausgesprochenen Ahnung seines Verhängnisses.

Zwischen den Palmen glitzerte das farbige Meer. Wir kamen an den Verbrennungsstätten für die Toten vorüber. Ein Holzstoß war für den hereinbrechenden Abend geschichtet, und der Tote lag, mit kunstvoll gebrochenen Gliedern, fast rechteckig gefügt, nackt auf dem kleinen Scheiterhaufen. Zahllose Aschenstätten umher verrieten die Feiern der vergangenen Tage, und plötzlich erinnerte ich mich jenes merkwürdig quälenden Brandgeruchs an manchen Abenden. Im Qualm des verbrannten Fleisches stiegen die Seelen ins Nirwana empor. Ich sah Mangesche Rao an. Hinter dieser ruhigen Stirn brannte die furchtbare Hoffnung, daß bald der Aufstand durch die Gassen heulen würde.

Ein aussätziger Bettler kroch auf allen Vieren über den roten Weg auf uns zu, er hatte sich im Dickicht verborgen gehalten, um den Steinen seiner Verfolger zu entgehen, nun bellte er heiser und drehte den Kopf mit den zerstörten Wangen, wie vom Irrsinn seiner Qual genarrt. Am Strand hatten die Raben sich gesammelt, ihr Geschrei beunruhigte die sonnentrunkene Stille. Ich sah fort, als ich den von allem Fleisch entblößten Brustkorb eines Menschen erkannte.

„Die Pest und die Blattern haben ihren Einzug gehalten“, sagte Mangesche Rao. Er sprach auf dem Rückweg kein Wort mehr. Vielleicht war ihm, wie auch mir, bedrohlich durch den Sinn gezogen, wie vielerlei Feinde sein Land belagerten und zersetzten, Feinde, gegen die kein Kampf von Nutzen war. Es waren jene Opfer des Lebendigen, die sich mit dem Alter und der Müdigkeit eines Volkes einstellen, der Verfall der Sitte, das Laster, das Elend und die schleichenden Seuchen. –


Panja hielt es immer noch für nötig, mich zu warnen, und vom Standpunkt seiner Betrachtungsweise hatte er recht. Ich beruhigte ihn nach Kräften, obgleich seine Besorgnisse in diesem Fall eher seiner Eifersucht, als seiner Fürsorge entstammen mochten.