»Es bleibt schon«, sagte sie. Die Hunde ließen sich ihr zu Füßen nieder, hängten die hellroten Zungen aus den schwarzen Wolfsmäulern und sahen zu ihr auf.
»So bitte ich Sie auch herzlich«, begann er nach einer kleinen Weile wieder, »Ihre Zimmer im Schloß wieder zu beziehen. Gewiß nicht allein aus Gründen der Autorität vor den Bediensteten, sondern auch aus Pietät gegen den Willen des Toten. Wenn Sie mir die Freude machen wollen, heute mittag unser Gast zu sein, so daß ich Ihnen meine Frau vorstellen kann, möchte ich Ihnen auch gern den Brief des alten Herrn zeigen, in dem ich nun vieles besser verstehe.«
»Ich muß so kommen, wie ich bin«, sagte Afra, ohne zu danken, »ich habe wenig Kleider.«
»Bitte«, sagte er einfach.
Obgleich Afra nicht groß war, empfand er sich als klein und schwächlich neben ihr. Er sah zu, wie sie ihre Reitgerte zwischen den Fußspitzen pendeln ließ, sah ihre harte, schöne Hand, den klaren, geneigten Umriß ihrer Schultern, fast ohne Wehmut, und doch von großer Lieblichkeit. In allen Einzelheiten, die zwischen ihnen besprochen waren, hatte er seine heimliche Überlegenheit in Dingen einer bewußten Gemütskraft empfunden, aber ohne Genugtuung und im Tiefsten befangen. Ihm war, während er so dasaß und die Schweigende verstohlen betrachtete, als käme es im eigentlichen, wahrhaftigen Daseinskampf auf ganz andere Kräfte an als auf die, welche er zu besitzen glaubte. Eine ganz feine, bohrende Besorgnis wuchs in seiner Seele empor. Er strich sich über die Stirn, als verscheuchte er eine dunkle Ahnung. Wollte sie denn noch lange hier sitzenbleiben? Oder lag es nicht eigentlich an ihm, aufzubrechen? Nun, es kam ja auf ein halbes Stündchen gewiß nicht an. So geschah es denn, daß Afra ihn nach einer Weile entließ, beinahe ein wenig gnädig, wie man jemand fortschickt, dem man schließlich zugeben muß, daß er getan hat, was in seinen Kräften steht.
In der Nachmittagssonne durchschritten sie nebeneinander die Räume des Schlosses. Afra erschien dem jungen Schloßherrn auf ganz neue Art, nun sie in der intimeren Kleidung des Hauses bei ihm war. Aus Bildern und Wandteppichen schaute die Vergangenheit auf sie nieder, die Freude und die Trauer des Verflossenen.
»Diese hohen Fenster sind neu«, sagte Afra, »die alten waren eng und klein, wie sie jetzt noch drüben gegen den Park zu sind.«
Er nickte und betrachtete nur sie, wie sie mitten in der Sonne stand. Er dachte mit leisem Grauen an die vergangene Stunde, in der Afra und seine junge Frau sich zum ersten Male begegnet waren. Aber das mußte doch anders werden, es war einzig der verwirrende Geist des Neuen, der auf sie beide eindrang, auf sein Weib und ihn; alles war fremd und geheimnisvoll, schien sie zu ängstigen und abzuweisen, aber es würde weichen, würde sich verlieren ... Er besann sich. Was denn nur? Er kannte sich nicht wieder, so verwirrt und benommen wie er war.
»Fräulein Afra«, sagte er plötzlich, »es gibt Geister.«