»Was für Geister?« fragte sie und sah ihn groß und erwartungsvoll an.
Er schämte sich plötzlich. Diese Augen, die ihm so gefahrvoll erschienen, wenn er ihrer gedachte, ernüchterten ihn nun in ihrer unschuldigen Härte. Aber nun mußte er sprechen:
»Ich meine, die Toten leben noch lange fort. Nicht in weißen Tüchern als Gespenster, die nachts umherirren, sondern um vieles vergeistigter und machtvoller. Die Sage von Gespenstern erfand nur das ungeklärte Bewußtsein des Volks, das leicht für unverstandene Gefühle faßbare Unverständlichkeiten einsetzt. Nein, ich meine, daß die Spuren der Toten zurückbleiben und daß in ihnen ihr Geist fortlebt, ihre Güte, ihre Bosheit, ihre Vorsicht oder ihre Schuld.«
Afra ließ sich in einen geschnitzten Sessel nieder, dessen schmale hohe Lehne ihr blondes Haupt überragte. Er sah über ihren Haaren den bäurisch derben und gediegenen Zierat des Schnitzwerks und folgte mit den Augen den Ornamenten, als zeichnete er sie nach.
»Sie sehen ja über mich weg«, sagte sie. »Bitte sprechen Sie doch weiter. Sie legen in alle Dinge viel mehr hinein, als darin ist, das tat auch Ihr Oheim, aber er tat es ... wie soll ich es nennen ... weniger vorsichtig und sehr bestimmt. Ihm hätte man nicht widersprechen können, dafür glaubte man ihm aber auch nicht immer.«
Tief überrascht sah er auf.
»Es ist erstaunlich, Afra, es ist unendlich wunderbar ...«
Sie wußte nicht, daß er sie und ihre Entgegnung bewunderte, so blieb sie unbefangen und bei der begonnenen Unterhaltung. Noch vor Stunden hatte er geglaubt, daß sie ihm die Lage verdankte, in der sie sich ihm und dem Schloßgut gegenüber befand, er hatte gehofft, einen Schein von Erkenntlichkeit in ihrem Wesen zu finden, nie hätte er für möglich gehalten, daß sie so selbstverständlich annahm, was er bot. Es muß ihr Recht vor Gott und allen Menschen sein, dachte er, und seine Erschütterung bewegte ihn plötzlich bis zur Trauer.
Ihre Blicke zwangen ihn, gleichmütig lächelnd, zur Unterhaltung zurück.
»So finde ich auch in Ihrer Art und in Ihrem Wesen den Geist des Toten wieder«, sagte er. »Es gibt Gespenster von Fleisch und Blut, die die Sonne mehr lieben als die Nacht, die sich nicht auf die zwölfte Stunde beschränken, sondern die Tag und Nacht umgehen, voller Grauen nur durch die überwindende Lieblichkeit, in der sie das Vergangene uns Vergänglichen als bestehenden Wert darbieten.«