»Es ist wahr«, sagte Afra einfach, »ich verdanke dem Grafen, was ich geworden bin. Ich hätte die Dorfschule in Wartaheim besuchen müssen. Zwei Stunden lang hätte ich durch die Sonne oder durch den Schnee laufen müssen und wäre heute nicht viel mehr als die Mädchen, die draußen das Heu wenden. Das wollten Sie doch sagen, nicht wahr?«

»Nein«, sagte er, ohne einen Trotz in seine Entgegnung zu legen. »Sie wären immer geworden, was Sie heute sind. Zufällig ist an allem nur die äußere Lage und ein Teil der Erscheinungen, nicht aber das Wesentliche. Unseren Drang nach Bildung gibt uns niemand, wir empfangen ihn mit unserem Blut nach dem Maß unserer Werte. Und was Sie reich und stark macht, hat Ihnen niemand gegeben. Bildung hat so wenig mit Wissen gemein«, fügte er hinzu, »wer ganz geworden ist, was er seinen Anlagen nach hat werden müssen, der ist gebildet.«

Sie unterbrach ihn ungeduldig.

»Sagten Sie, ich sei reich?«

»Ja, Afra.«

»Ihr Oheim sagte das Gegenteil.«

»So verstehe ich meinen Oheim nicht, oder er meinte es in einem anderen Sinn und Zusammenhang.«

Sie schwieg. So wußte er nicht, um was sie ihn, wie einst den alten Mann, oft heimlich beneidet hatte. Es war gewiß nicht einzig der äußere Besitz. Sie empfand, beide hatten ihr irgend etwas voraus, das durch keine Verluste im Leben zu verlieren war. Sie fühlte sich plötzlich verstimmt und stand auf. Diesen schmerzhaften Gedanken jetzt haßte sie tief in ihrer Seele, dieses Empfinden des Zurückgesetzten, der stets empfangen muß, das einst ihr väterlicher Freund mit so viel glückhafter Herablassung in ihr geweckt hatte. Nie war sein Gesicht schöner gewesen, als wenn er gab ... Sie waren von gleicher Art, diese beiden, nur erschien es ihr, als sei jener ein Mann gewesen und als sei dieser ein Jüngling.

Sie schritten durch den Saal, in dem die Bilder der Toten des Geschlechts hingen. Afra zog mit hartem Ruck die schweren Vorhänge von einem der Fenster zurück, eine feine Staubwolke drängte sich träge in die Sonnenstrahlen, ein tiefer goldener Atemzug der erwachenden Vergangenheit.

»Wie einfach, wie schön«, sagte er bewundernd im Umschauen. Langsam schritt er an den Bildern entlang. Sie folgte ihm neugierig mit den Blicken und lehnte sich an das Fenstersims.