Er nahm ein Kuvert aus einem Schubfach und zog einen Brief heraus. Ehe er davon sprach, meinte Afra über seine Schulter hin:

»Das ist seine Schrift.«

»Ja. Es ist jener Brief, von dem ich heute morgen gesprochen habe. Wollen Sie ihn anhören? Dieser erste Teil bezieht sich auf Angelegenheiten der Verwaltung, vielleicht darf ich ihn später mit Ihnen betrachten, dieser Teil handelt von Ihnen. Er ist so stolz, so zurückhaltend und einsam. Was ich heute morgen darüber gesagt habe, war Torheit ...«, er stockte. »War das denn dieser Tag, ist das heute morgen gewesen?«

»Wann denn sonst?«

»Es erscheint mir, als läge viel mehr Zeit dazwischen. Sie müssen bedenken, Fräulein Afra, daß mein Leben ohne große äußere Ereignisse dahinlief, und die Erlebnisse der Innenwelt sind seltsam zeitlos; sie haben so gar nichts mit den äußeren Lebensverhältnissen zu schaffen, und auf die Dauer rauben sie einem den Sinn für die Zeitmaße der Umwelt.«

»Was schreibt er denn?«

»Versuchen Sie mich zu verstehen ...«, bat er.

»Gewiß ...«

Beide schwiegen.

Ich darf ihr den Brief nicht vorlesen, empfand er. Es ist nicht ihr Teil, irgend etwas in ihrem Wesen beleidigt noch die Andacht, die Liebe, den Wert dieser Worte, sie ist zu jung. Und doch schien es ihm wieder eher ihr Recht als das seine. Hatte der Verstorbene jemals mit den Gaben seiner Liebe zurückgehalten? So mag es denn geschehen, beschloß er, mit der Bitterkeit eines, der mit bösem Gewissen Gutes tut.