Sie stieg aufs Rad des Wagens und dann auf seine Schulter, mit raschem weichem Fuß, dessen Druck er erst zu verspüren glaubte, als sie bereits hoch im Heu saß und nur ein Zipfel ihres weißen Kleids zu ihm hinunterlachte.
»Geh du nebenher!« klang es aus dem Blau über ihm, und so schritt er neben dem Wagen dahin und rief den Pferden laute Worte zu.
Afra lag hoch und so, daß niemand sie sah. Sie stützte das Kinn in beide Hände, so daß ihre Ellbogen sich ins Heu gruben, und blinzelte in den Sonnenschein hinaus. Der ferne Wald zur Linken unter der Sonne lag in einem feinen blauen Schleier, der sich von den Wiesen her zu ihm zu heben schien. Sie schaute zu ihm hinüber, als sei er ihr Ziel, während der Wagen sie langsam, eingehüllt in den Duft welken Grases und vergangener Blumen, auf Wartalun zuschaukelte.
Zweites Kapitel
Nachts hörte Afra Pferdegetrappel im Hof, Hundebellen, Stimmen und das Knarren eines Wagens. Der Lichtschein der Laternen drang vom Hof her durch die kleinen Fenster ihres Stübchens ein, wanderte an der Zimmerdecke und huschte rasch und ängstlich über die Gegenstände des Raums. Sie erhob sich hastig und voll ruhloser Gedanken. Seit dem Tode des alten Herrn hatte sie ein Stübchen im Hause ihres Vaters bezogen, der als Gärtner des Gutes im Wirtschaftsgebäude eine Wohnung innehatte. Sie hatte nicht gewagt, ihre Zimmer im Schloß, der fremden Herrschaft gegenüber als ihr Eigentum zu behaupten; verdrossen und beinahe rachsüchtig wollte sie abwarten, ob man sich unterfangen würde, ihr ihre alten Rechte streitig zu machen, aber niemals hätte sie ertragen können, aus dem Hause gewiesen zu werden.
Leise öffnete sie einen Flügel des Fensters, der Lindenduft zog süß und schwül zu ihr herein. Die tiefhängenden Äste des uralten Baumes, der fast den ganzen Schloßhof beschattete, verhüllten ihr den Ausblick. Sie erkannte nur die alte Staatskarosse des Hauses, hörte eine etwas weinerliche, zarte Frauenstimme und Martins wenig ergebene Antworten auf ihre unverständlichen Fragen oder Befehle. Dann wurden im Schloß die Fenster hell, erst im Speisesaal, dann unten in den Wohnräumen, so daß sie die weißen Säulen der Terrasse schimmern sah, endlich im Zimmer des alten Herrn und zuletzt sogar im Ahnensaal, dessen knarrende Torflügel mit ihren geschnitzten Figuren sie zu sehen glaubte, als sie es hörte.
Dann wurde es langsam Fenster für Fenster wieder dunkel, nur im Treppenhaus glommen noch Lichter, und die Hunde kamen nicht zur Ruhe. Sie sah noch Melchior, den alten Diener, mit gesenktem Haupt die Treppe niedersteigen, offenbar besann er sich, als er die Hunde hörte, ob er sie beruhigen müsse; aber er ließ es und verschwand in der Dunkelheit mit dem letzten Licht. Afra dachte an die beunruhigten Hunde, die alle an den Ketten lagen, die sonst die vertraute Nacht bevölkert und sie oft auf einsamen Wegen begleitet hatten. Es war gewiß nicht dieser Gedanke, der sie so tief bewegte, aber plötzlich warf sie den Kopf hart auf die Bank des offenen Fensters mit einem wilden, eigensinnigen Schluchzen. Ihr war, als seien Räuber in das Schloß eingedrungen. Schliefen denn umher alle diese Geduldigen, war keiner da, der ihrer gedachte, keiner, der vor den rechtlosen Eindringling hintrat und gebieterisch auf Afra wies, ihm bedeutend, daß es gelte, mit ihr zu teilen. Zu teilen? Ein kalter Zorn ließ sie auffahren. Niemals würde sie teilen, nie! Ihr war, als müsse sie aufspringen und hinauseilen durch den schlafenden Schloßgarten, weit hinaus bis an die dunkle Fichtenstraße, die zur Begräbnisstatt des toten Herrn führte. Sie sah den eisernen Sarg mit seinem einen Kranz aus Rosen, der längst verwelkt war, den sie ihm hatte winden müssen, denn nur sie sollte um ihn trauern, nur sie sollte ihn für seine letzte Fahrt mit Blumen schmücken. Sie sah sich an dem kalten schweren Eisen rütteln: Wach auf, du, mit deiner Liebe zu mir, sie stehlen dein Schloß, deine Macht, deine Liebe zu mir treten sie mit Füßen der Verachtung, und sie verhöhnen mich, dein Glück.
Es regnete sacht in die blühende Linde, draußen in der Nacht, in der auch der Tote schlief. Je mehr Afra sich vergegenwärtigte, was dieser Todesschlaf bedeutete, um so heißer stieg in ihr, wie eine brennende junge Seligkeit, das Bewußtsein dafür auf, daß sie selbst lebte und daß sie stark und jung und schön war. Ihr war, als sei ihr Verhältnis zu dem Toten, das er einst in bebender Ehrfurcht gerühmt hatte, nun um vieles deutlicher und gezeichneter erstanden. War er nicht um vieles benachteiligter als sie?
Im Einschlafen durchdachte sie ruhiger noch einmal die letzten Wochen, die sie mit ihm durchlebt hatte, auf alle seine Aussagen hin, forschte eifrig nach dem Sinn seiner traurigen Worte, die sie damals kaum beachtet hatte, und prüfte jedes daraufhin, wie weit es eine Verheißung für ihre Zukunft enthalten könnte. Sie sah seinen weißen Bart dicht vor sich, fühlte seine Greisenhände auf ihrem Scheitel: »Du arme Reiche«, sagte er. Und als sie schwieg: »Wie hat meine Liebe zu dir mich reich gemacht. Sag, was hast du denn von mir empfangen können?«