Hieß das nicht, daß er bereit sei, noch viel zu geben?

Nun befahl sie Martin, ihr das Pferd zu satteln, das war schon im Traum. Sie saß in ihrem Kleid aus hellem Tuch auf einem schwarzen Pferd, umritt das Schloß, lockte die Hunde und stürmte über die Felder, die ihr gehörten. In Wendalen erwarteten die Tagelöhner sie in ihrem Sonntagsstaat, verneigten sich, und die Kinder streuten Blumen. So hatte sie es einst gesehen, als sie den Grafen an seinem letzten Namenstag hinausbegleitet hatte. Nun lag er im Sarg, aber er schaute sie an und lächelte zu all ihrem Tun. Damals, auf dem Heimweg, hatte er lange in ihr Gesicht geschaut, das stolz, heiß erhoben vom Glück des Tags und übermütig beseligt gelächelt hatte. —

Als es Morgen wurde, hörte es auf zu regnen. Der junge Tag erhob in kühlem Wehen sein lichtes, blaues Leben, in dem alles in tiefer Stille auf die aufgehende Sonne wartete. Die Haustiere und die Vögel im Garten waren noch nicht erwacht, als Afra sich erhob und in einer ganz neuen, zitternden Seligkeit an ihrem jungen Dasein langsam begann, sich an den weit offenen Fenstern anzukleiden, die den Blütenduft der Linde und alle Hoffnung der erneuten Erde zu ihr einließen. Dies war die liebste Stunde ihres Tags, in der niemand ihren erwachten Sinnen etwas streitig machte, in der ihr alles zu eigen war, was sie sah, erdachte oder ersehnte. Sie schaute vorgebeugt hinaus in den verschwiegenen Hof, auf dem noch nichts sich regte, nur vor den Starenkästen am Lindenstamm saßen schon die Alten, zum ersten Ausflug gerüstet, und sie meinte die feinen Stimmchen der Jungen zu hören, deren zarte Laute sich in das kaum vernehmbare Flüstern der Blätter mischten. Die Tore des Hofes waren noch geschlossen. Die breiten Laubgänge des Efeus sahen wie dunkle Verkleidungen am Mauerwerk aus, wie schwere, grüne, zerfetzte Teppiche, die das Alter des dicken Gemäuers verhüllten. Er war beinahe ein wenig eng, dieser Hof, aber seine hohe Eingeschlossenheit und seine Schatten von den Wänden des Hauses gegen Westen verliehen ihm eine traumhafte Versunkenheit, die durch die Farben der Zeit und durch die Zinnen der Mauern in dieser Stille in das Bereich alter Märchen gerückt wurde.

Afras blondes Haar war so schwer und weich wie alte Seide. In der Ahnengalerie des Herrenhauses, dicht unter der getäfelten Decke hing das Bildnis einer jungen Frau, deren Haare den ihren glichen. Auch sie hatten diesen seltsamen gedämpften Glanz von Kupfer und Asche, der sich, ins Licht getaucht, in ein beinahe farbloses Gold verwandeln konnte und der aus Stirn und Schläfen hervorbrach, fast ohne daß man erkannte, wo der Wuchs der Haare begann. Aber den hochherzig versunkenen Blick der längst Verstorbenen haßte Afra, wie auch ihren kleinen lieblichen Mund, dessen Trotz ihr töricht erschien, weil er nichts verbarg. Ihr eigener Mund war breit und fast ein wenig zu groß, und da niemand ihr noch gesagt hatte, welch betörender Zauber voll Lebenssüßigkeit und Daseinswonnen sich in seiner ruhenden Schönheit offenbarte, achtete sie ihn beinahe gering, diesen großen Mund.

Die Sperlinge wurden im Efeu wach, als Afra über den Hof ging, ihr Schritt hallte von den Steinwänden wider. Sie klopfte an Martins Kammerfenster neben dem Pferdestall, sein Gähnen erweckte ihr Mitleid. Er solle nur öffnen, das Weitere würde sie schon selbst besorgen; aber er kam doch hervor, um ihr zu helfen, das Pferd zu satteln, und murmelte schlaftrunken allerhand von seinen Aussichten, sich noch einmal niederlegen zu können. Afra verschmähte es, ihn nach der neuen Herrschaft zu fragen.

»Wohin reitest du denn?« fragte er. Er glaubte ihr diese Teilnahme schuldig zu sein.

»Heb den Baum am Tor«, sagte sie.

Sie zog den Sattelgurt fester. »Du schläfst ja noch«, tadelte sie nachlässig. Martin fand ihre Bemerkung zutreffend und am Platze. Sie wollte noch, daß er die Wolfshunde freimachen sollte, Aja und Fenn, deren Ketten sie hörte.

Dann sah er ihr nach, und über dem Anblick, wie sie die Landstraße entlang steil und fest zu Pferde, vom Bellen der Hunde wie von ergebenem Beifall geleitet, dahinritt, vergaß er seine Müdigkeit. Eine seltsame heiße Erwartung hielt ihn gefangen. Wartalun gehört Afra, war das Resultat seines einfältigen Grübelns. Drüben in den angebauten Wirtschaftsgebäuden hinter den Birken der Landstraße sah er die ersten Tagelöhner, eine Pumpe klang, ein Hahnenruf. Ihm schien ein ereignisreicher Tag zu beginnen, und er war zu wichtig, um ihn zu verschlafen, man mußte nachdenken, um sich über alles klar zu werden.

Die Morgensonnenstrahlen fielen, immer noch kühl und ohne Kraft, über die Dächer der Kornschuppen von Wendalen, als Afra dort anlangte. Sie hatte sich auf den schmalen Pfaden durchs Moorgelände Zeit gelassen, hatte in der Heide das Pferd eine Weile durch die kaum erblühten Sträucher geführt und tief in Gedanken zugesehen, wie ihr suchender Fuß Schritt für Schritt die silbernen Perlen des Taus am Boden zum Fallen brachte. Je länger der Tag wurde, um so eindringlicher wachten alle Gedanken mit ihm auf, und ihr war, als zerstörten sie ihr ganz langsam ihre Kraft. Denn Afra war sich ihrer Kräfte noch nicht bewußt, wenn sie sie nicht in ihrer Wirkung erprobte; erst die Gelegenheit, sich bewähren zu müssen, fand sie stark.