Das schöne Pferd hielt den kleinen Kopf gesenkt wie seine Herrin, die immer um einen Schritt voraus war und die Zügel nachhängen ließ. So schritten sie gegen den großen Horizont des ebenen Landes über den roten Teppich der Heide dahin. Die Wölfe eilten ruhelos, die schwarzen Schnauzen am Boden, in weitem Bogen voraus, scheuchten Wildenten aus den Moortümpeln auf und einmal, in einem kleinen Birkenwäldchen, schon nahe am Vorwerk, ein junges Reh. Aber auf Afras leisen Pfiff wandten sie, wie von unsichtbaren Fäusten zurückgerissen, die Köpfe und kehrten um. Sie hingen in seltsamer Treue an Afra, niemand nahm sich ihrer mit mehr Zeit und Geduld an, niemand schlug sie grausamer.

Erst als sie in den Hof einritt und die Knechte sie grüßten, besann sie sich darauf, was sie als Grund für ihr Kommen angeben sollte. Man würde sie nach der neuen Gutsherrschaft fragen, vielleicht war der Verwalter schon unterwegs nach Wartalun. —

Sie saß wieder zu Pferde, als er kam, und in einer uneingestandenen Furcht vor einem Verrat der Ängste ihrer Seele begrüßte sie ihn hochmütig und ohne den Kopf zu senken. Harmlos fragte er dies und das, aber sie wußte, worauf er wartete. Seine Einladung, im Zimmer ein Frühstück einzunehmen, lehnte sie ab. Die Tücke und Unterwürfigkeit dieses arbeitsamen und wohlgeschickten Mannes, die sie bislang mit kaum amüsierter Herablassung festgestellt hatte, erschien ihr heute hassenswert. Anfangs erkühlte er sichtlich unter ihrem veränderten Wesen, dann begann er langsam ihre Zurückhaltung mit großer Höflichkeit zu beantworten, die schnell zur Ergebenheit wurde, je mehr das Mädchen sie gelassen einstrich. Oh, er würde vermuten, daß die Würfel gefallen seien und daß, was die einen hofften, die anderen fürchteten, Wahrheit geworden sei, daß sie nach dem Willen des Verstorbenen Herrin von Wartalun geworden war.

Die heimliche Freude, die ihre unbeabsichtigte Täuschung ihr eintrug, wurde rasch zu unbezähmbarer Sucht, diese Rolle zu spielen. Mit kühlem und geheimnisvollem Lächeln sah sie auf den Neugierigen herab, der ihr zu gefallen und zu dienen trachtete. Doch plötzlich verachtete sie sich in dieser Lage, aber ohne ihre Haltung zu ändern, nickte sie kühl und hastig, nahm umständlich das Pferd herum und pfiff den Hunden.

»Bis morgen!« rief sie, so ernst, daß es beinahe traurig wirkte. Draußen empfing die frohe Sonne sie, wogende Felder und bald wieder die Melancholie und Verlassenheit ihrer Heide. Es erfüllte sie mit bitterer Genugtuung, daß sie jemanden zurückließ, dem ihre Hoffnung Gewißheit geworden war, als hätte sie ihrem zögernden Schicksal Gewalt angetan.

»Du bist der erste, der das Schloß verläßt, wenn es mein ist«, rief sie laut. Dann war ihr, als müßte sie weinen, und ihre aufsteigende Qual beantwortete sie mit einem harten Lachen, das seltsam böse aus diesen weichen, unerwachten Lippen drang und in herbem Widerspruch zur Anmut ihrer freien Haltung stand.

Im Moorgrund waren Arbeiter am Werke. Hohe Torfmauern spiegelten sich schwarz in den stillen Gräben, alles versprach einen heißen Tag. Den Gruß eines Landmannes, den sie kannte, erwiderte sie mit einem kecken Scherz. Der Alte blieb stehen, schützte die Augen und sein breites, wohlgefälliges Lächeln mit der schweren braunen Hand und sah ihr nach. Nah am Kreuzweg, als schon Moor und Heide zurückblieben und die Türme des Schlosses aus den Eichen schauten, traf sie einen Fremden, der sie grüßte, sehr höflich und auf eine Art zögernd, als habe er eine Frage zu stellen. Sie sah zurück und hielt das Pferd an. Beide schwiegen eine Weile, die Wölfe sahen abwartend zu ihr empor. Sie rief sie barsch an, mehr um den Gehorsam der Hunde zu zeigen, als weil eine Befürchtung nahelag. Sie sah in das Gesicht des jungen Mannes, der hinzutrat. Ein schmales und sehr blasses Angesicht hob sich zu ihr empor, unsicher im Wesen und Blick durch eine goldene Brille, deren Gläser blinkten. Er war schwarz gekleidet, trug ein seltsam mitgenommenes Hütchen aus Filz und erschien ihr zart von Figur, beinahe ein wenig gebrechlich. Seine schmale Hand, mit der er befangen sein Kinn hielt, fiel ihr auf; solche Hände wünschte sie sich ...

»Verzeihen Sie mir, mein gnädiges Fräulein«, sagte er zögernd, aber nicht unsicher, »wie lange würde ich von hier aus brauchen, um bis Wandelen zu gelangen?«

»Wollen Sie denn zu Fuß gehen? Übrigens heißt das Vorwerk Wendalen.«

»Wendalen, gewiß ... ich irrte.«