Es ist wahr, dachte er und sah bleich vor sich nieder, das Sterben ist keine Heldentat, niemand erkennt es an. Und dann würgte ihn etwas an der Kehle, die eiskalten Hände eines widerwärtigen Gespenstes, das mit dem Erdrosseln beharrlich eine herzlose Pflicht ausführte: Ich bin allein! Oh, wenn er hätte sprechen können, von sich, wie es um ihn stand, wie sein Herz beschaffen war und wo sein tiefstes Leid brannte.
»Wenn ich es nehme, so tue ich es, weil ich dich liebhabe und weil ich nun frei vor dir dastehe und du nicht mehr darunter leidest, daß ich nicht auch äußerlich deinesgleichen bin.«
Nicht einen Augenblick hoffte er, sie möchte die Liebe meinen, die er ersehnte, aber doch erlösten ihn ihre Worte, sie machten ihm das Schwerste leichter, da sie ihm seine Bitterkeit nahmen. Er wollte etwas sagen, aber er konnte nicht sprechen. Sie ließ ihn ruhig gewähren, wie man einem Kranken Zeit läßt, bis er endlich sagen konnte:
»Mein Leben ist in deine Hand gegeben, Afra.«
Darauf antwortete Afra ihm nicht, so daß es ihm klar wurde, daß er in seinem Wort wohl zu weit gegangen sein mußte, denn er konnte sich nicht denken, daß eine Schuld bei Afra lag. Sie senkte den Blick nicht, es schien ihr wohl Mühe zu kosten, aber sie gab nicht einen Schein von Beschämung zu. Die unerbittliche Sicherheit, mit der sie den Platz einnahm, den er ihr einräumen mußte, tröstete ihn und gab ihm Halt. Erst viel später wußte er, daß er zusammengebrochen wäre, wenn Afra auch nur im kleinsten eingestanden hätte, daß er mehr als seine Pflicht getan hatte.
Aber er hatte sich niemals so allein gefühlt wie nun, da Afra die Tür hinter sich schloß. Ein grenzenloses Heimweh überfiel ihn jählings, als müßte er sich aufmachen und davoneilen, um die einfache und arme Lebensweise aufs neue zu beginnen, die er verlassen hatte. Er dachte an Elsbeth und an sein Kind, alles drängte ihn zu einer Rückkehr, ihm war, als läge alle Heimat, die es für ihn noch geben könnte, in einer Umkehr.
Da hörte er Afras Lachen im Hof, und sein Herz verwandelte sich. Er sah sie unten mit Friedel stehen, der sich kokett beim Reden drehte; und Afras Gesicht, voll komischer Weisheit und neckisch überlegen, spiegelte seine Scherze wider.
Da warf er sich in den Sessel, atmete mühsam und sagte sich:
Schließlich ist es kaum der vierte Teil meines Vermögens, den ich verschenkt habe.