Die letzten Wochen hatten Afras Wesen verändert. Mit der Fülle von Lebenseindrücken und Geschehnissen, die über sie hereingebrochen waren und vor deren wechselndem Übergewicht ihre starke Natur sie bewahrte, war eine seltsam frühe Reife ihres Wesens überraschend schnell und sicher herbeigeführt worden. Eine bevorzugte Menschennatur unterscheidet sich dadurch von einer benachteiligten, daß sie in ihrer Jugend auch den stärksten Eindrücken nur vorübergehend erliegt und von allen Gaben der Umwelt nur die bewahrt und nur soviel von ihnen, als ihr zu ihrer gesunden Entwicklung notwendig ist. Ihre häufige Begleiterscheinung ist in früher Jugend eine an Bewußtlosigkeit grenzende Benommenheit der Sinne, die etwas vom herben Schlaf der Wälder und Wiesen an sonnigen Märztagen hat. Denn die Natur hütet ihre erwählten Kinder, damit ihre Kräfte nicht unnütz und voreilig verblühen, weil sie in ihnen um ihre höchste Offenbarung und um ihren letzten Triumph ringt.

Das junge Mädchen führte keine wesentlichen Veränderungen in der Verwaltung von Wartalun und Wendalen ein. In ihrem Tun und Verhalten verriet nichts ihre neue Stellung, sie besprach die wichtigsten Angelegenheiten nach wie vor mit Helmut, obgleich sie bald empfand, daß sein Interesse mehr und mehr erlosch. Einmal hatte er noch versucht, sich aufzuraffen, er hatte sich bemüht, seine Sinne für die köstliche Wahrheit zu schärfen, daß das weite Land umher in seiner Schönheit und Einträglichkeit sein ihm anvertrautes Eigentum war, das Wild in den Wäldern, die Fische in den Bächen und das Korn der Felder. Er betätigte sich hier und da wohl flüchtig ein wenig, aber er gewann keine Beziehung zu seinem neuen Besitz, die ihn beglückt hätte. Auch seine geistige Arbeit ruhte immer noch. In Afras belebtem Frohsinn und in ihrer unermüdlichen Schaffenskraft ruhte er beschauend und versinkend aus.

Am Tage der Grablegung seines Kindes war er am Abend gegen den eigenen und gegen Elsbeths Wunsch in ihr Zimmer eingedrungen. Der schwüle und beengende Hauch von Medikamenten und matt pochendem Dasein schlug ihm lau entgegen. Er erschrak furchtbar, als er sein Weib sah. Ihr Gesicht ruhte spitz und eingefallen in den großen Kissen, deren blendendes Weiß es grau und wächsern erscheinen ließ. Die beiden Arme lagen gerade an den Körper gebettet und die Hände schienen erstorben. Sie bewegte sich nicht, als er an ihr Bett trat, sie sah ihn nur an und lächelte. Und dieses Lächeln dankte ihm für das verflossene Glück ihres Lebens, das sie hatte geben und empfangen können, es erhob sich mit ihm ein schwacher Widerschein ihrer Kindheitshoffnungen und ihrer ersten frauenhaften Beglückungen, es lag ein kaum spürbares Bitten wie um Vergebung darin, als schämte sie sich ihres armen Zustandes und als wünschte sie ihre Schuld in seinen Augen ausgetilgt zu sehen. Aber von aller Bedrängnis ihrer letzten Wochen, von Zorn oder Anklage war kein Schatten mehr in ihren Augen. Der letzte, große Schmerz hatte alles hinweggeschwemmt wie ein glühender Lavastrom.

Helmut verwand dieses Lächeln nie. Ihm war, als habe er bisher von Schmerzen nur Sagen und Märchen vernommen. Es brachte ihm den ersten Geschmack auch seines Todes auf die Lippen, und dieser Geschmack, der bis tief in die Kammern seines Herzens drang und sein Blut bis in alle Poren durchsetzte, erschien ihm kalt und von schneidender Süßigkeit. Er sah für einen kurzen Augenblick hohe, beschneite Berggrade, ein unabsehbares Gefilde, und darüber hin sauste in unfaßbarer Freiheit ein leerer, singender Wind.

Dieser Zustand dauerte nur kurze Zeit, aber er ließ keinen Gedanken zu, er erstickte jedes Aufwallen von Mitleid und von Erbarmen, alle Vorsätze und jeden inneren Kampf. Er sah seinem Weibe mit einem Blick in die Augen, der eine grauenvolle Zuversicht enthielt, die beinahe wie ein Triumph aussah und eine unaussprechliche Ruhe enthielt.

»Ich komme auch ...« sagte er nur, und so leise, daß es wie ein Seufzer klang.

Aber das Leben ging unerbittlich fort. Ein strahlender Herbst zog über Moor und Stoppelfelder durch die Wälder dahin und durch den bunten Garten dem versunkenen Sommer nach. Das rote Meer der Heide glühte, die Weiden färbten sich an ihren sandigen Ufern, und das Moor lag schon am Nachmittag, wenn die Sonne noch schien, in grauen Schleiern. Die tiefe Klarheit des Überwundenen verschönte die sterbende Welt, alles schien in beruhigtes Leuchten versunken, großäugige Engel schritten unter den unsagbar klaren Sternen über die erfüllten Fluren. Es war am Morgen ein Duft in Hof und Garten, daß die Brust der Menschen sich in tiefer Beglückung weitete.

Das Korn war eingebracht, Afra hatte reich an Arbeit ausgefüllte Tage hinter sich, und Helmut sah sie oft nur für kurze Minuten am Abend. Er hatte anfangs versucht, sie zu begleiten, aber als er sah, daß sie seine Ermüdungen merkte und sich zwischen Rücksicht und Pflichtbewußtsein bewegte, ließ er sie allein.

Dafür nahm Afra sich Friedels zuweilen an und stellte ihn bei dieser oder jener Arbeit, die seinem beschaulichen Temperament nicht Einbuße tat, ein wenig an. Er fühlte sich ungeheuer wichtig, und der allgemeine, nicht zu dämpfende Frohsinn der Erntezeit, der überall die Landbevölkerung ergreift, teilte sich damals auch seinem Musikantenherzen mit. Soweit er sich nicht strikte an Afras Anordnungen hielt, störte er überall, eine Tatsache, die ihn in weitgehende Betrachtungen über seine vielseitige Verwendbarkeit stürzte und ihn mit Ermahnungen zu Helmut trieb:

»Ich habe es dir schon oft gesagt: du tust dich nicht genügend um. Ich an deiner Stelle ... Nun, es geschieht ja, was geschehen muß. Wir haben heute das ganze Heu der Annerwehrer Wiesen eingefahren. Kutschpferde, Reitpferde, alles hat geholfen.«