Wie jeder echte Künstler hat auch Whitman die volle Bewußtheit seines Schaffens, und das Beste, was ästhetisch-kritisch über ihn zu sagen ist, sagt er uns selbst. Das Bezeichnende an seiner Poesie ist ihre »suggestiveness«; ihre Suggestivkraft, in der er, wie ein Dirigent eines Orchesters nicht fürs Ohr, sondern fürs Auge, immer neues Gestaltengewoge vor uns hinschweben läßt, uns die »Atmosphäre des Themas oder Gedankens« gibt, in der dann unser eigenes Erleben weiter dahinfliegt. Er ist ein Dichter von ganz ungemeiner Sinnlichkeit und Gegenständlichkeit; er scheint nur mit den Sinnen gedacht zu haben; auch seine ganz im inneren Erlebnis versunkenen Abstraktionen bewahren diesen konkreten Charakter. Auch wenn er das Unsagbare sagen will, und wenn er sagen, fast stammeln will, daß es unsäglich ist, schreit er wie aus tiefster Besinnung zum Beginn des Gedichts etwa auf:
Das da ist in mir – ich weiß nicht, was es ist – doch ich weiß, es ist in mir
und schafft uns dadurch sofort die Stimmung des leibhaftigen Erlebens.
Daß übrigens die konkrete Aufzählung einzelner Wirklichkeiten, die zu einem Ganzen gehören, selbst ohne Ausdruck der Empfindung des Miterlebenden, wenn die angeführten Tatsächlichkeiten nur von starker Sinnfälligkeit erfüllt sind, wie ein Gedicht wirken kann, möchte ich an einem Beispiel zeigen, mit dem ich schon ab und zu Freunde hineingelegt habe. Wie mancher möchte das folgende für ein Gedicht Whitmans halten, das etwa den Titel »Nacht im Feldlager« führen könnte:
Werda! der Schildwache vorm Zelt.
Werda! der Infanterieposten.
Werda! wenn die Runde kam.
Hin- und Wiedergehen der Schildwache.
Geklapper des Säbels auf dem Sporn.
Bellen der Hunde fern.