Nebenan raschelten Kleider, klapperten die leisen Tritte müder Mädchenfüße ...

Sie — und nur eine dünne Wand zwischen ihm und seinem Schicksal ...

Er lauschte ... flüsternde Frauenstimmen klangen: Mutter Kanzleirätin brachte wohl das Goldkind schlafen ... Nun knarrte die Tür, nun schlürften die Pantoffeln der Alten über den Korridor, zum ehelichen Schlafgemach hinüber ... Und ein herzhaftes, langgezogenes Gähnen ... Und nun krachte das Bett, rauschten die Kissen ...

Valentin Pilgram saß noch immer steif und regungslos an seinem Schreibtisch und starrte in den Lichtkegel der Petroleumlampe ... Und in der Faust hielt er den halbzerknüllten Briefbogen, der vorne Jucunda Buchners Brief und hinten Hans Thumsers Monogramm und den Frankenzirkel trug ...

Na ja ... Na also — — —!!

10.

Die Franken hatten C. C. gehabt und Chargenwahl vollzogen. Ivo Volkner aus Düsseldorf war Erster geworden an Pilgrams Statt. Hartwig, der Vertreter des Marburger Kartellkorps, hatte die zweite Charge bekommen, und der eben erst rezipierte Jungbursch Feldmann die dritte. Volkner Senior — das bedeutete einen Wechsel des Regimes. Statt des zähen, wortkargen, sparsamen und fechtgewaltigen Sachsen der leichtsinnige, wohlhabende, lebenslustige Rheinländer — das war ein wahrer Umschwung für den Geist des Frankenbundes ...

Hans Thumser säumte nicht, von diesem Umschwung zu profitieren. Alle paar Tage bat er um Dispens zum Besuch der Konzerte, des Theaters, schwänzte regelmäßig Sonnabends das gemeinsame Mittagessen, um der Motette des Knabenchors in der Thomaskirche zu lauschen ...

Und eines Morgens erlangte er gar die Erlaubnis, bei den Meiningern zu statieren ...

Die Meininger ... sie hielten ihn völlig im Bann. Er versäumte keine Premiere. Drama auf Drama reckten sich die genialen Machtschöpfungen der erhabensten Meisterwerke des germanischen Theaters vor dem schönheitshungrigen Auge des jungen Studenten auf ...